Multiplen Sklerose. Beide richten sich in unterschiedlicher Weise gegen B-Zellen und gelten als hochwirksam bei aktiver Erkrankung. Dennoch gibt es immer wieder Patientinnen und Patienten, bei denen trotz dieser Therapien weiterhin Krankheitsaktivität auftritt – oder bei denen die langfristige Sicherheit zum Problem wird, etwa durch Infektionen oder Hypogammaglobulinämie unter langjähriger Anti-CD20-Therapie. Genau hier setzt eine neue multizentrische deutsche Studie an, die den gezielten Wechsel zwischen Anti-CD20 und Cladribin in der Versorgungspraxis untersucht hat.
„Therapie-Wechsel bei MS: Was bringt der Switch zwischen Anti-CD20-Antikörpern und Cladribin?“ weiterlesenWenn das Blut erzählt, wie aktiv die Multiple Sklerose ist – Neurofilament-Leichtketten als neuer Marker
Die Multiple Sklerose (MS) ist eine Erkrankung mit zwei Gesichtern. Nach außen sichtbar sind vor allem die Schübe: plötzliche Sehstörungen, Lähmungen, Taubheitsgefühle. Diese Ereignisse prägen das Krankheitsbild – für Betroffene, Angehörige und oft auch für die behandelnden Teams. Gleichzeitig läuft im Hintergrund ein zweiter Prozess: eine schleichende Schädigung von Nervenfasern, die lange kaum Symptome macht, aber entscheidend für die Langzeitprognose ist. Genau hier setzt ein neuer Biomarker an, der in den letzten Jahren viel Aufmerksamkeit bekommen hat: die Neurofilament-Leichtkette (NfL).
Neurofilamente sind Strukturproteine im Inneren von Nervenfasern. Man kann sie sich vereinfacht wie das „Stützgerüst“ eines Axons vorstellen. Wird eine Nervenfaser geschädigt, werden Fragmente dieser Proteine freigesetzt – zunächst in den Liquor und in geringerer Menge auch ins Blut. Je stärker die axonale Schädigung, desto höher steigt die NfL-Konzentration. Das gilt nicht nur für MS, sondern grundsätzlich für viele Erkrankungen des Nervensystems. Für die MS ist besonders spannend, dass sich diese Prozesse inzwischen mit sensitiven Labormethoden im Blut messen lassen – und zwar wiederholt, ohne Lumbalpunktion und ohne MRT-Termin.
Schon vor vielen Jahren zeigte sich, dass NfL im Liquor bei aktiver MS erhöht ist. Der entscheidende Fortschritt war dann der Nachweis, dass Liquor- und Serumwerte eng zusammenhängen. Mit ultrasensitiven Immunoassays lässt sich NfL heute im Blut bestimmen. Dabei hat sich gezeigt: Der Marker ist erstaunlich robust. Proben sind stabil, die Messung lässt sich standardisieren, und es existieren mittlerweile Referenzmodelle, die Alter und Body-Mass-Index berücksichtigen. Das ist wichtig, denn NfL steigt auch bei gesunden Menschen mit zunehmendem Alter leicht an und ist bei Menschen mit sehr niedrigem BMI tendenziell höher. Statt auf rohe Zahlen zu schauen, werden die Werte deshalb zunehmend als Z-Scores oder Perzentilen interpretiert – also im Vergleich zu einer passenden Referenzpopulation.
Was bedeutet das konkret für Menschen mit MS? Entlang des gesamten Krankheitsverlaufs eröffnen sich verschiedene Einsatzmöglichkeiten. Bereits im sehr frühen Stadium, etwa bei einem radiologisch isolierten Syndrom (RIS) oder nach dem ersten demyelinisierenden Ereignis, kann ein erhöhter NfL-Wert ein Hinweis auf eine aktuell aktive axonale Schädigung sein. Das hilft dabei, das individuelle Risiko besser einzuschätzen und die Frage zu beantworten, ob eine verlaufsmodifizierende Therapie frühzeitig begonnen werden sollte. Mit den neuen, revidierten Diagnosekriterien, die zum Teil auch eine MS-Diagnose ohne klaren klinischen Schub erlauben, gewinnt ein solcher Ausgangswert zusätzlich an Bedeutung.
Im weiteren Verlauf lässt sich NfL nutzen, um Krankheitsaktivität und Therapieeffekte zu monitoren. Hohe Werte korrelieren oft mit Schubaktivität, neuen oder kontrastmittelaufnehmenden Läsionen in der MRT und einem höheren Behinderungsgrad. Unter wirksamer Immuntherapie sinken die Werte typischerweise. Besonders bei hochwirksamen Therapien wie Natalizumab oder B-Zell-depletierenden Antikörpern ist dieser Abfall meist deutlich ausgeprägt, während er unter klassischen Plattformtherapien moderater ausfällt. In der Praxis kann das helfen, Therapieentscheidungen zu untermauern: Persistierend erhöhte oder wieder ansteigende NfL-Werte trotz Behandlung können ein Hinweis darauf sein, dass die aktuelle Therapie nicht ausreicht. Umgekehrt können langfristig niedrige Werte – im Zusammenspiel mit stabiler Klinik und MRT – Argumente für eine Deeskalation oder eine vorsichtige Therapiepause liefern, etwa bei höherem Alter oder relevanten Komorbiditäten.
Wichtig ist aber: NfL ist kein „MS-spezifischer“ Marker. Alles, was Nerven schädigt, kann die Konzentration im Blut erhöhen. Dazu gehören Schlaganfälle, Mikroangiopathien, Schädel-Hirn-Traumata, neurodegenerative Erkrankungen wie Demenzen oder Motoneuronerkrankungen, aber auch Myelopathien, ausgeprägte Spinalkanalstenosen oder Polyneuropathien. Selbst Operationssituationen und größere orthopädische Eingriffe können vorübergehende Anstiege verursachen. Hinzu kommen systemische Faktoren wie eine eingeschränkte Nierenfunktion oder ein schlecht eingestellter Diabetes, die den Wert beeinflussen können. Deshalb müssen unerwartet hohe NfL-Werte immer im klinischen Kontext bewertet werden – idealerweise mit wiederholten Messungen und einem Blick auf Begleiterkrankungen, Bildgebung und Zeitverlauf.
Trotz dieser Einschränkungen zeigt sich ein klares Bild: Die Bestimmung von NfL im Blut hat sich von einem reinen Forschungswerkzeug zu einem ernsthaften Kandidaten für den klinischen Alltag entwickelt. Sie ergänzt die MRT, ersetzt sie aber nicht. Bildgebung bleibt unverzichtbar – etwa um die Lokalisation von Läsionen, den Verlauf der Hirnatrophie und andere strukturelle Aspekte zu erfassen. NfL kann jedoch etwas, das MRT-Untersuchungen im Alltag oft schwer leisten: Es erlaubt ein relativ engmaschiges, minimal-invasives Monitoring, das zuverlässig anzeigt, ob aktuell axonaler Schaden entsteht oder nicht.
Für die Zukunft bleibt spannend, ob sich mithilfe von NfL auch schubunabhängige Progressionsprozesse – das, was zunehmend unter dem Begriff PIRA (progression independent of relapse activity) diskutiert wird – besser identifizieren und vielleicht sogar vorhersagen lassen. Hier braucht es weitere Studien, vor allem auch Daten, die zeigen, ob eine gezielte Therapieintensivierung auf Basis von NfL-Verläufen tatsächlich langfristig zu weniger Behinderung führt. Klar ist aber schon heute: Das Blut kann uns bei MS mehr erzählen, als wir lange gedacht haben – wenn wir genau hinhören.
Quelle: Neurofilament Bestimmung im Blut bei Multipler Sklerose, Forum Anitas, 4. Ausgabe 2025, Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Sven Meuth, PD Dr. med. Marc Pawlitzki
JCV-Testung unter Natalizumab – zwei Testverfahren, eine Herausforderung
Natalizumab gehört seit fast 20 Jahren zu den effektivsten Therapien der hochaktiven Multiplen Sklerose. Mit dem seit 2024 verfügbaren Biosimilar Tyruko® stehen nun erstmals zwei Präparate – und damit auch zwei unterschiedliche JC-Virus-Antikörpertests – zur Verfügung.
Im Gespräch mit PD Dr. Marc Pawlitzki, Dr. Melanie Schütte und Prof. Dr. Orhan Aktas (Universitätsklinikum Düsseldorf) wurde deutlich, dass die Einführung des neuen, sensitiveren ImmunoWELL™ JCV-IgG-Tests im Praxisalltag für Unsicherheit sorgt. Während der bisherige STRATIFY-JCV®-DxSelect™-Test die Grundlage der bekannten Risikotabellen bildet, lassen sich dessen Werte nicht direkt auf den neuen Test übertragen.
„JCV-Testung unter Natalizumab – zwei Testverfahren, eine Herausforderung“ weiterlesenOcrelizumab bei pädiatrischer Multipler Sklerose
In Zusammenarbeit mit Marc Pawlitzki
Die pädiatrische Multiple Sklerose (POMS) macht schätzungsweise 3–5 % aller MS-Fälle aus. Sie beginnt meist im Jugendalter und verläuft häufig besonders entzündlich und schubaktiv. Wiederholte Schübe, eine hohe MRT-Läsionslast und frühe kognitive Beeinträchtigungen führen dazu, dass betroffene Kinder und Jugendliche ein erhöhtes Risiko für langfristige Behinderung und neurodegenerative Veränderungen haben.
Frühe, gezielte Immuntherapie ist daher insbesondere bei POMS essenziell, jedoch waren bisher die therapeutischen Möglichkeiten deutlich limitiert.
„Ocrelizumab bei pädiatrischer Multipler Sklerose“ weiterlesenMS Diagnose ohne klinisches Ereignis?
In Zusammenarbeit mit Marc Pawlitzki
Die Diagnosekriterien der Multiplen Sklerose (MS) wurden im Jahr 2024 erneut überarbeitet. Eine zentrale Neuerung besteht darin, dass nun auch Personen als an MS erkrankt eingestuft werden können, ohne dass bisher ein klinischer Schub aufgetreten ist. Dies betrifft insbesondere Fälle, in denen MRT-Befunde typische Läsionen im zentralen Nervensystem zeigen, die in Lokalisation und Verteilung einer MS-Pathologie entsprechen – auch wenn die Betroffenen bislang keine klinischen Symptome entwickelt haben. Diese Konstellation wird als Radiologically Isolated Syndrome (RIS) bezeichnet.
„MS Diagnose ohne klinisches Ereignis?“ weiterlesenMultiple Sklerose und Onkologie – Gemeinsamkeiten zweier scheinbar getrennter Welten
Multiple Sklerose (MS) und maligne Erkrankungen wirken zunächst wie zwei völlig verschiedene Krankheitsbilder. Während die MS durch fehlgeleitete Immunreaktionen geprägt ist, stehen bei malignen Erkrankungen unkontrollierte Zellvermehrung und Immunflucht im Vordergrund. In den letzten Jahren hat sich jedoch gezeigt, dass beide Bereiche immunologisch enger miteinander verwoben sind, als man lange angenommen hat.
„Multiple Sklerose und Onkologie – Gemeinsamkeiten zweier scheinbar getrennter Welten“ weiterlesenTherapieoptionen bei MS und rheumatoider Arthritis: Was wirkt wirklich?
In Zusammenarbeit mit Marc Pawlitzki
Die gleichzeitige Diagnose von Multipler Sklerose (MS) und rheumatoider Arthritis (RA) stellt in der klinischen Praxis eine therapeutische Herausforderung dar – zumal einige Medikamente für die eine Erkrankung die andere verschlechtern können. Eine neue Übersichtsarbeit unter Federführung der Kollegen aus der MHH (Neurol Res Pract 2025) bietet nun eine systematische Einordnung aktueller krankheitsmodifizierender Therapien (DMT) bei Komorbidität von MS und RA.
„Therapieoptionen bei MS und rheumatoider Arthritis: Was wirkt wirklich?“ weiterlesenSerum-NfL bei Multipler Sklerose – ein Blutwert mit Potenzial
Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die in unterschiedlichsten Formen auftreten kann – schubförmig, progredient, mit mildem oder schwerem Verlauf. Eine zentrale Herausforderung in der Versorgung von Menschen mit MS liegt darin, Krankheitsaktivität und -verlauf möglichst präzise zu erfassen, um individuelle Therapieentscheidungen optimal zu steuern.
„Serum-NfL bei Multipler Sklerose – ein Blutwert mit Potenzial“ weiterlesenBrauchen wir noch Kontrastmittel bei Multipler Sklerose?
In Zusammenarbeit mit Marc Pawlitzki
Magnetresonanztomografie (MRT) ist für Diagnose und Verlaufskontrolle der Multiplen Sklerose (MS) unverzichtbar. Lange galt der Einsatz von gadoliniumhaltigem Kontrastmittel (Gd) als Standard, um entzündliche Aktivität sichtbar zu machen. Doch mit wachsender Sorge über Gd-Ablagerungen im Gehirn und potenzielle Langzeitfolgen wurde dieser Standard in Frage gestellt. Internationale Empfehlungen wie die MAGNIMS-CMSC-NAIMS-Guidelines von 2021 fordern daher: Weniger Gd, gezielter eingesetzt.
Aber wie konsequent wird das wirklich umgesetzt? Und wie verändert sich dadurch der klinische Alltag?
„Brauchen wir noch Kontrastmittel bei Multipler Sklerose?“ weiterlesenUpdate zur Immunologie der Multiplen Sklerose
Von Patricia Kirschner, Marc Pawlitzki, Hans-Peter Hartung und Sven Meuth
Die neue Komplexität der Multiplen Sklerose (MS)
Multiple Sklerose ist eine der am intensivsten erforschten neurologischen Erkrankungen unserer Zeit. Dennoch sind viele ihrer immunologischen Grundlagen und vor allem die Prozesse, die das Fortschreiten unabhängig von Schüben (PIRA) beeinflussen, weiterhin nicht vollständig verstanden. In einem aktuellen Überblick beleuchten wir, welche neuen immunologischen Erkenntnisse in den letzten Jahren gewonnen wurden – von genetischen Risikofaktoren über virale Auslöser bis hin zur Rolle des Darmmikrobioms, T- und B-Zell-Interaktionen sowie zelluläre Prozesse innerhalb des ZNS.
„Update zur Immunologie der Multiplen Sklerose“ weiterlesen
