Orale Medikamente gehören für viele Menschen mit Multipler Sklerose ganz selbstverständlich zum Alltag – sei es als krankheitsmodifizierende Therapie oder zur symptomatischen Behandlung. Gleichzeitig ist genau diese Selbstverständlichkeit trügerisch. Denn je nach Behinderungsgrad, Feinmotorik, Mundgefühl oder Schluckfunktion kann die Einnahme einer Tablette deutlich anspruchsvoller sein, als man im klinischen Alltag oft annimmt. In unserer aktuellen Studie wollten wir deshalb systematisch untersuchen, welche orale Darreichungsform von Menschen mit MS eigentlich als am besten handhabbar erlebt wird.
„Tabletten, Film, Schmelztablette oder Gel – was für Menschen mit MS im Alltag wirklich besser funktioniert“ weiterlesenPsoriasis unter B-Zell-Therapien bei MS – was unsere multizentrische Analyse zeigt
Autoimmune Komorbiditäten spielen bei der Therapieentscheidung in der Multiplen Sklerose eine größere Rolle, als man im Alltag manchmal denkt. Besonders die Psoriasis ist hier relevant. Zum einen ist sie bei Menschen mit MS häufiger als in der Allgemeinbevölkerung beschrieben, zum anderen stellt sie immunologisch eine besondere Konstellation dar: Während B-Zell-depletierende Therapien bei MS hochwirksam sind, ist die Psoriasis überwiegend T-zellvermittelt. Genau daraus ergibt sich die klinisch spannende Frage, ob B-Zell-Therapien eine Psoriasis auslösen oder verschlechtern können – und wie relevant dieses Problem im Alltag wirklich ist.
In unserer aktuellen multizentrischen Analyse haben wir deshalb 3228 MS-Patientinnen und -Patienten unter B-Zell-depletierenden Therapien an vier deutschen Universitätskliniken ausgewertet. Gesucht haben wir nach neu aufgetretener Psoriasis oder einer Verschlechterung einer bereits bekannten Psoriasis unter Ocrelizumab, Ofatumumab oder Rituximab. Das Ergebnis ist zunächst beruhigend: Insgesamt war dieses Ereignis selten. Sieben Patientinnen und Patienten entwickelten eine Psoriasis neu, bei zehn kam es zu einer Verschlechterung einer bekannten Psoriasis. Damit lag die Rate insgesamt bei etwa 0,5 Prozent.
Trotz der Seltenheit ist das klinisch relevant. Denn die Verläufe zeigen, dass es sich nicht nur um eine theoretische Nebenwirkung handelt. Im Median traten neue oder verschlechterte Psoriasis-Symptome nach 13 Monaten unter fortlaufender B-Zell-Therapie auf. Dabei war die klinische Ausprägung durchaus unterschiedlich: Patientinnen und Patienten mit neu aufgetretener Psoriasis zeigten im Median stärkere Hautmanifestationen als diejenigen mit einer Exazerbation einer bereits bekannten Erkrankung. Vermutlich spielt hier auch eine frühere Erkennung bei vorbekannter Psoriasis eine Rolle.
Die gute Nachricht aus unserer Analyse ist, dass die meisten Fälle gut behandelbar waren. In vielen Situationen reichten topische Therapien wie Calcipotriol oder Steroide aus, ohne dass die MS-Therapie abgesetzt werden musste. Nur in einem kleineren Teil der Fälle waren Therapieanpassungen notwendig – etwa ein Wechsel der MS-Therapie oder die zusätzliche Einleitung einer psoriasis-spezifischen Immuntherapie wie Secukinumab. Besonders relevant war dies bei höherer Psoriasis-Last oder bei psoriatischer Arthritis, wo eine rein lokale Therapie naturgemäß oft nicht ausreicht.
Inhaltlich interessant ist vor allem die immunologische Einordnung. Dass Psoriasis unter B-Zell-Depletion auftreten oder sich verschlechtern kann, wirkt auf den ersten Blick paradox. Gerade das macht die Beobachtung aber so spannend. B-Zell-Therapien hemmen nicht einfach nur “Entzündung”, sondern verschieben Immunnetzwerke. Denkbar ist, dass durch die Depletion regulatorischer B-Zell-Populationen proinflammatorische T-Zell-Achsen, insbesondere Th17-vermittelte Prozesse, weniger gebremst werden. Genau diese Achsen spielen bei der Psoriasis eine zentrale Rolle. Unsere Daten beweisen diesen Mechanismus nicht, sie passen aber gut zu der Hypothese, dass B-Zell-Depletion bei einzelnen Patientinnen und Patienten ein ohnehin vorhandenes psoriatisches Milieu demaskieren oder verstärken kann.
Für die Praxis heißt das vor allem: Psoriasis unter B-Zell-Therapien bei MS ist selten, aber real. Sie sollte deshalb bei neuen Hautveränderungen oder einer dermatologischen Verschlechterung mitgedacht werden. Gleichzeitig sprechen unsere Daten klar dagegen, dieses Risiko zu überschätzen. In der großen Mehrzahl der Fälle lässt sich die Situation mit etablierter Psoriasistherapie gut kontrollieren. Nur bei schwereren Verläufen muss die MS-Therapie angepasst oder um eine gezielte dermatologische Systemtherapie ergänzt werden.
Aus unserer Sicht unterstreicht die Arbeit vor allem eines: Bei MS geht es bei der Therapiewahl nicht nur um Krankheitsaktivität und Wirksamkeit, sondern auch um das Zusammenspiel mit autoimmunen Komorbiditäten. Gerade die Psoriasis ist ein gutes Beispiel dafür, dass moderne Hochwirksamkeitstherapien neue Fragen an der Schnittstelle zwischen Neuroimmunologie und systemischer Autoimmunität aufwerfen – und dass man diese im Alltag interdisziplinär denken muss.
Was das Ruhe-EEG über Multiple Sklerose verraten könnte
Multiple Sklerose verändert nicht nur das, was sich im MRT zeigt – sondern offenbar auch, wie das Gehirn im Hintergrund arbeitet. Genau das konnten wir in einer aktuellen Studie in Multiple Sclerosis and Related Disorderszeigen. Untersucht wurden Ruhe-EEGs von Menschen mit MS im Vergleich zu einer Kontrollgruppe. Dabei wurde deutlich: Auch wenn ein EEG im klinischen Alltag auf den ersten Blick unauffällig wirken kann, lassen sich mit modernen Analyseverfahren relevante Unterschiede in der Hirnaktivität sichtbar machen.
„Was das Ruhe-EEG über Multiple Sklerose verraten könnte“ weiterlesenGehirn-Computer-Schnittstelle bei MS – neue Impulse für die Gangrehabilitation
Eine aktuelle Studie zeigt einen spannenden Ansatz für die Rehabilitation bei Multipler Sklerose (MS): den Einsatz einer Gehirn-Computer-Schnittstelle (Brain-Computer Interface, BCI) in Kombination mit funktioneller Elektrostimulation (FES) und virtuellem Feedback. Im Zentrum steht dabei die Frage, ob sich Gehfähigkeit und Mobilität auch bei Menschen mit moderater bis höherer Behinderung durch ein gezieltes, technologiegestütztes Training verbessern lassen – und zwar ohne klassisches, körperlich sehr belastendes Gangtraining.
„Gehirn-Computer-Schnittstelle bei MS – neue Impulse für die Gangrehabilitation“ weiterlesenMS und rheumatoide Arthritis gemeinsam behandeln
Bei Patientinnen und Patienten mit Multipler Sklerose (MS) treten komorbide Autoimmunerkrankungen häufiger auf als in der Allgemeinbevölkerung – besonders relevant ist dabei die rheumatoide Arthritis (RA). Genau diese Kombination stellt die Behandlung oft vor ein Dilemma: Einige Immuntherapien wirken bei beiden Erkrankungen sinnvoll, andere helfen nur bei einer und können die jeweils andere sogar verschlechtern. Der Beitrag im Deutschen Ärzteblatt zeigt sehr anschaulich, wie wichtig eine differenzierte Therapieauswahl bei MS und RA ist.
„MS und rheumatoide Arthritis gemeinsam behandeln“ weiterlesenSmartwatches in der Neurologie: Was Remote Patient Monitoring schon kann – und wo es (noch) scheitert
Smartwatches sind längst keine reinen Lifestyle-Gadgets mehr. Viele Patientinnen und Patienten bringen bereits Daten zu Schritten, Schlaf und Herzfrequenz mit in die Sprechstunde – nur bleibt oft unklar, was davon klinisch wirklich belastbar ist. In unserem neuen Open-Access-Case-Report im Journal of Central Nervous System Disease (online seit 11. Februar 2026) haben wir deshalb keine „perfekte“ digitale Endpoint-Studie gebaut, sondern etwas, das in der Praxis häufig fehlt: eine Sammlung konkreter Fälle, die zeigen, wie Remote Patient Monitoring (RPM) mit Consumer-Wearables in der Neurologie tatsächlich funktioniert – und wo es einen in die Irre führen kann.
„Smartwatches in der Neurologie: Was Remote Patient Monitoring schon kann – und wo es (noch) scheitert“ weiterlesenOcrelizumab Stop – und dann?
In der MS-Therapie wird zunehmend diskutiert, ob und wann man hochwirksame B-Zell-depletierende Therapien wie Ocrelizumab zeitweise pausieren oder beenden kann. Hintergrund sind vor allem Sicherheitsaspekte wie kumulierende Infektanfälligkeit und Hypogammaglobulinämie, aber auch praktische Fragen aus der Pandemiezeit. Gleichzeitig ist die Evidenzlage zur optimalen Strategie nach Absetzen bislang begrenzt gewesen: Viele Arbeiten waren retrospektiv, heterogen in den Populationen und hatten kurze Nachbeobachtungszeiten. Genau hier setzt eine aktuelle prospektive, zwei-zentrige Kohortenstudie aus Deutschland an, die untersucht, wie häufig Krankheitsaktivität nach Ocrelizumab-Absetzen wieder auftritt und ob sich das Risiko für schubunabhängige Progression verändert.
„Ocrelizumab Stop – und dann?“ weiterlesenPrognostic relevance of MRI in early relapsing multiple sclerosis: ready to guide treatment decision making?
Die Magnetresonanztomographie (MRT) des Gehirns und des Rückenmarks spielt eine entscheidende Rolle bei der Diagnose und Überwachung der Multiplen Sklerose (MS). Es gibt überzeugende Beweise dafür, dass MRT-Befunde des Gehirns und des Rückenmarks in frühen Krankheitsstadien auch relevante Einblicke in die individuelle Prognose bieten. Dies umfasst die Vorhersage von Krankheitsaktivität und Krankheitsprogression, die Akkumulation langfristiger Behinderungen und den Übergang zur sekundär progredienten MS.
„Prognostic relevance of MRI in early relapsing multiple sclerosis: ready to guide treatment decision making?“ weiterlesenNicht der Anfang, sondern der Verlauf? Neue Perspektiven auf die Darm-Gehirn-Achse bei MS
Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems und die häufigste nicht-traumatische Ursache von Behinderung bei jungen Menschen. Anhaltende Entzündung kann zu fortschreitender Demyelinisierung und nachfolgendem axonalem Schaden führen. Trotz intensiver Forschung ist die Ursache der MS nicht abschließend geklärt – wahrscheinlich greifen genetische und Umweltfaktoren ineinander. Zu den diskutierten Umweltfaktoren gehören neben Infektionen (z. B. eine Reaktivierung des Epstein-Barr-Virus) und Störungen des Vitamin-D-Haushalts zunehmend auch Veränderungen der Darm-Gehirn-Achse. Insbesondere das Konzept einer intestinalen Dysbiose ist in den letzten Jahren ins Zentrum des Interesses gerückt.
„Nicht der Anfang, sondern der Verlauf? Neue Perspektiven auf die Darm-Gehirn-Achse bei MS“ weiterlesenTherapieansätze bei MOGAD – von der Akutbehandlung zur langfristigen Strategie
Myelin-Oligodendrozyten-Glykoprotein-Antikörper-assoziierte Erkrankung (MOGAD) ist eine seltene, antikörpervermittelte Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems, die sich klinisch sehr heterogen präsentieren kann – von Optikusneuritis über Myelitis bis zu kortikalen Enzephalitiden. Anders als bei MS oder AQP4-positiver NMOSD existieren bislang keine zugelassenen Langzeittherapien, und viele neurologische Kolleginnen und Kollegen sind bei der Frage nach Akut- und Dauertherapie mit Unsicherheiten konfrontiert. Der aktuelle Übersichtsartikel in Autoimmunity Reviews fasst den Stand der Evidenz zu Akutbehandlung, Steroid-Ausschleichen, Erhaltungstherapie und laufenden Studien zusammen und bietet damit eine gute Orientierung für den klinischen Alltag.
„Therapieansätze bei MOGAD – von der Akutbehandlung zur langfristigen Strategie“ weiterlesen
