Wie alt ist ein Gehirn wirklich? Diese Frage lässt sich inzwischen nicht mehr nur anhand des Geburtsdatums beantworten. Mithilfe von Machine-Learning-Modellen kann aus einer strukturellen MRT-Aufnahme ein sogenanntes „brain-predicted age“ berechnet werden. Die Differenz zwischen diesem vorhergesagten Gehirnalter und dem tatsächlichen chronologischen Alter wird als Brain Age Gap Estimate, kurz BrainAGE, bezeichnet. Ein positiver BrainAGE-Wert bedeutet, dass das Gehirn strukturell älter erscheint, als es dem Lebensalter entsprechend zu erwarten wäre.
„Ein älteres Gehirn bei MS – und warum BrainAGE und NfL unterschiedliche Aspekte der Erkrankung abbilden“ weiterlesenKI in der MS-Versorgung: Patienten sind offen – aber nicht für eine Medizin ohne menschliche Verantwortung
Künstliche Intelligenz (KI) wird zunehmend Teil medizinischer Versorgung. Gerade in datenintensiven chronischen Erkrankungen wie der Multiplen Sklerose (MS) liegt das Potenzial auf der Hand: KI kann helfen, klinische Informationen zu strukturieren, Symptome longitudinal zu erfassen, Monitoring zwischen Visiten zu unterstützen und perspektivisch auch komplexe Entscheidungen vorzubereiten.
Aber eine zentrale Frage wird dabei oft zu spät gestellt: Wollen Patienten das überhaupt – und in welchen Rollen akzeptieren sie KI?
„KI in der MS-Versorgung: Patienten sind offen – aber nicht für eine Medizin ohne menschliche Verantwortung“ weiterlesenGeschlechtsspezifische Unterschiede bei früher Multipler Sklerose: Weniger relevant als gedacht?
Frauen erkranken deutlich häufiger an Multipler Sklerose als Männer. Gleichzeitig galt lange die Annahme, dass Männer zwar seltener betroffen sind, dafür aber häufiger einen schwereren Krankheitsverlauf entwickeln. Diese Perspektive hat die Diskussion über geschlechtsspezifische Unterschiede bei MS über Jahre geprägt – sowohl in Bezug auf Krankheitsbeginn und Progression als auch im Hinblick auf Therapieentscheidungen.
„Geschlechtsspezifische Unterschiede bei früher Multipler Sklerose: Weniger relevant als gedacht?“ weiterlesenWarum wir die Gehfähigkeit bei Multipler Sklerose neu denken müssen
Die Expanded Disability Status Scale, kurz EDSS, ist seit Jahrzehnten eines der wichtigsten Instrumente zur Beurteilung von Behinderung bei Multipler Sklerose. Sie wird in klinischen Studien, in der Versorgung und in der Verlaufsbeurteilung eingesetzt. Gerade im mittleren Bereich der Skala, etwa zwischen EDSS 4 und 6, spielt die Gehstrecke eine zentrale Rolle: Wie weit kann eine Patientin oder ein Patient noch gehen, bevor eine Pause notwendig wird?
„Warum wir die Gehfähigkeit bei Multipler Sklerose neu denken müssen“ weiterlesenMS-Therapie neu denken: Was kommt nach Anti-CD20?
Anti-CD20-Therapien wie Ocrelizumab haben die Behandlung der Multiplen Sklerose deutlich verändert. Sie unterdrücken fokale entzündliche Krankheitsaktivität sehr effektiv und gehören heute zu den wichtigsten hochwirksamen Therapieoptionen. Gleichzeitig wird im klinischen Alltag immer deutlicher: Eine dauerhafte B-Zell-Depletion ist nicht ohne Preis. Mit zunehmender Behandlungsdauer rücken Hypogammaglobulinämie, wiederkehrende Infektionen, eingeschränkte Impfantworten und altersbedingte Vulnerabilität stärker in den Vordergrund.
„MS-Therapie neu denken: Was kommt nach Anti-CD20?“ weiterlesenAnti-CD20-Therapien im Real-World-Vergleich: Wirksamkeit ähnlich, Sicherheitsprofile unterschiedlich
Anti-CD20-Therapien sind aus der modernen Neuroimmunologie nicht mehr wegzudenken. Sie werden insbesondere bei Multipler Sklerose, aber auch bei weiteren neuroimmunologischen Erkrankungen eingesetzt. Während der gemeinsame therapeutische Ansatz – die Depletion von CD20-positiven B-Zellen – gut etabliert ist, bleiben direkte Real-World-Vergleiche zwischen den einzelnen Substanzen weiterhin klinisch relevant. Eine neue Studie in Frontiers in Immunology vergleicht nun Ocrelizumab, Ofatumumab und Rituximab hinsichtlich Wirksamkeit, Infektionsrisiko, Immunglobulinveränderungen und zellulären Immunprofilen.
„Anti-CD20-Therapien im Real-World-Vergleich: Wirksamkeit ähnlich, Sicherheitsprofile unterschiedlich“ weiterlesenDepression als unterschätzter Kostenfaktor bei NMOSD
Eine neue multizentrische Studie der Neuromyelitis Optica Study Group (NEMOS) zeigt, dass depressive Symptome bei Patientinnen und Patienten mit Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen (NMOSD) nicht nur häufig auftreten, sondern auch einen wesentlichen sozioökonomischen Kostenfaktor darstellen.
„Depression als unterschätzter Kostenfaktor bei NMOSD“ weiterlesenTabletten, Film, Schmelztablette oder Gel – was für Menschen mit MS im Alltag wirklich besser funktioniert
Orale Medikamente gehören für viele Menschen mit Multipler Sklerose ganz selbstverständlich zum Alltag – sei es als krankheitsmodifizierende Therapie oder zur symptomatischen Behandlung. Gleichzeitig ist genau diese Selbstverständlichkeit trügerisch. Denn je nach Behinderungsgrad, Feinmotorik, Mundgefühl oder Schluckfunktion kann die Einnahme einer Tablette deutlich anspruchsvoller sein, als man im klinischen Alltag oft annimmt. In unserer aktuellen Studie wollten wir deshalb systematisch untersuchen, welche orale Darreichungsform von Menschen mit MS eigentlich als am besten handhabbar erlebt wird.
„Tabletten, Film, Schmelztablette oder Gel – was für Menschen mit MS im Alltag wirklich besser funktioniert“ weiterlesenPsoriasis unter B-Zell-Therapien bei MS – was unsere multizentrische Analyse zeigt
Autoimmune Komorbiditäten spielen bei der Therapieentscheidung in der Multiplen Sklerose eine größere Rolle, als man im Alltag manchmal denkt. Besonders die Psoriasis ist hier relevant. Zum einen ist sie bei Menschen mit MS häufiger als in der Allgemeinbevölkerung beschrieben, zum anderen stellt sie immunologisch eine besondere Konstellation dar: Während B-Zell-depletierende Therapien bei MS hochwirksam sind, ist die Psoriasis überwiegend T-zellvermittelt. Genau daraus ergibt sich die klinisch spannende Frage, ob B-Zell-Therapien eine Psoriasis auslösen oder verschlechtern können – und wie relevant dieses Problem im Alltag wirklich ist.
In unserer aktuellen multizentrischen Analyse haben wir deshalb 3228 MS-Patientinnen und -Patienten unter B-Zell-depletierenden Therapien an vier deutschen Universitätskliniken ausgewertet. Gesucht haben wir nach neu aufgetretener Psoriasis oder einer Verschlechterung einer bereits bekannten Psoriasis unter Ocrelizumab, Ofatumumab oder Rituximab. Das Ergebnis ist zunächst beruhigend: Insgesamt war dieses Ereignis selten. Sieben Patientinnen und Patienten entwickelten eine Psoriasis neu, bei zehn kam es zu einer Verschlechterung einer bekannten Psoriasis. Damit lag die Rate insgesamt bei etwa 0,5 Prozent.
Trotz der Seltenheit ist das klinisch relevant. Denn die Verläufe zeigen, dass es sich nicht nur um eine theoretische Nebenwirkung handelt. Im Median traten neue oder verschlechterte Psoriasis-Symptome nach 13 Monaten unter fortlaufender B-Zell-Therapie auf. Dabei war die klinische Ausprägung durchaus unterschiedlich: Patientinnen und Patienten mit neu aufgetretener Psoriasis zeigten im Median stärkere Hautmanifestationen als diejenigen mit einer Exazerbation einer bereits bekannten Erkrankung. Vermutlich spielt hier auch eine frühere Erkennung bei vorbekannter Psoriasis eine Rolle.
Die gute Nachricht aus unserer Analyse ist, dass die meisten Fälle gut behandelbar waren. In vielen Situationen reichten topische Therapien wie Calcipotriol oder Steroide aus, ohne dass die MS-Therapie abgesetzt werden musste. Nur in einem kleineren Teil der Fälle waren Therapieanpassungen notwendig – etwa ein Wechsel der MS-Therapie oder die zusätzliche Einleitung einer psoriasis-spezifischen Immuntherapie wie Secukinumab. Besonders relevant war dies bei höherer Psoriasis-Last oder bei psoriatischer Arthritis, wo eine rein lokale Therapie naturgemäß oft nicht ausreicht.
Inhaltlich interessant ist vor allem die immunologische Einordnung. Dass Psoriasis unter B-Zell-Depletion auftreten oder sich verschlechtern kann, wirkt auf den ersten Blick paradox. Gerade das macht die Beobachtung aber so spannend. B-Zell-Therapien hemmen nicht einfach nur “Entzündung”, sondern verschieben Immunnetzwerke. Denkbar ist, dass durch die Depletion regulatorischer B-Zell-Populationen proinflammatorische T-Zell-Achsen, insbesondere Th17-vermittelte Prozesse, weniger gebremst werden. Genau diese Achsen spielen bei der Psoriasis eine zentrale Rolle. Unsere Daten beweisen diesen Mechanismus nicht, sie passen aber gut zu der Hypothese, dass B-Zell-Depletion bei einzelnen Patientinnen und Patienten ein ohnehin vorhandenes psoriatisches Milieu demaskieren oder verstärken kann.
Für die Praxis heißt das vor allem: Psoriasis unter B-Zell-Therapien bei MS ist selten, aber real. Sie sollte deshalb bei neuen Hautveränderungen oder einer dermatologischen Verschlechterung mitgedacht werden. Gleichzeitig sprechen unsere Daten klar dagegen, dieses Risiko zu überschätzen. In der großen Mehrzahl der Fälle lässt sich die Situation mit etablierter Psoriasistherapie gut kontrollieren. Nur bei schwereren Verläufen muss die MS-Therapie angepasst oder um eine gezielte dermatologische Systemtherapie ergänzt werden.
Aus unserer Sicht unterstreicht die Arbeit vor allem eines: Bei MS geht es bei der Therapiewahl nicht nur um Krankheitsaktivität und Wirksamkeit, sondern auch um das Zusammenspiel mit autoimmunen Komorbiditäten. Gerade die Psoriasis ist ein gutes Beispiel dafür, dass moderne Hochwirksamkeitstherapien neue Fragen an der Schnittstelle zwischen Neuroimmunologie und systemischer Autoimmunität aufwerfen – und dass man diese im Alltag interdisziplinär denken muss.
Was das Ruhe-EEG über Multiple Sklerose verraten könnte
Multiple Sklerose verändert nicht nur das, was sich im MRT zeigt – sondern offenbar auch, wie das Gehirn im Hintergrund arbeitet. Genau das konnten wir in einer aktuellen Studie in Multiple Sclerosis and Related Disorderszeigen. Untersucht wurden Ruhe-EEGs von Menschen mit MS im Vergleich zu einer Kontrollgruppe. Dabei wurde deutlich: Auch wenn ein EEG im klinischen Alltag auf den ersten Blick unauffällig wirken kann, lassen sich mit modernen Analyseverfahren relevante Unterschiede in der Hirnaktivität sichtbar machen.
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