CAR-T-Zellen bei Autoimmunenzephalitis: Wenn die Entzündung stoppt, aber die Neurodegeneration weiterläuft

CAR-T-Zelltherapien gehören zu den spannendsten Entwicklungen der modernen Immunmedizin. Ursprünglich vor allem aus der Hämatologie bekannt, rücken sie inzwischen auch bei schweren Autoimmunerkrankungen in den Fokus. Der Grundgedanke ist faszinierend: Immunzellen des Patienten werden so verändert, dass sie gezielt krankheitsrelevante B-Zellen erkennen und eliminieren können. Bei autoantikörpervermittelten Erkrankungen könnte dies einem tiefgreifenden immunologischen Neustart entsprechen.

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Neue Hinweise auf Komplementaktivierung bei LRP4-Antikörper-positiver Myasthenia gravis

Die Myasthenia gravis ist keine einheitliche Erkrankung. Je nach Antikörperstatus unterscheiden sich Pathophysiologie, klinischer Verlauf und potenzielle Therapieansätze teils deutlich. Während die Rolle des Komplementsystems bei AChR-Antikörper-positiver Myasthenia gravis gut etabliert ist, war bislang weniger klar, ob und in welchem Ausmaß Komplement auch bei LRP4-Antikörper-positiver Myasthenia gravis eine Rolle spielt.

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Wie Körpergewicht die Hirnvernetzung beeinflusst

In einer aktuellen Studie unter der Federführung des Marburg-Münster-Netzwerks, an der auch wir beteiligt waren, wurde untersucht, ob ein höherer Body-Mass-Index (BMI) mit Veränderungen der strukturellen Hirnvernetzung zusammenhängt – und ob sich dieser Zusammenhang zwischen gesunden Menschen und Patientinnen und Patienten mit Major Depression unterscheidet. Grundlage waren Daten von insgesamt 1.598 Teilnehmenden, darunter 746 Personen mit Depression und 852 gesunde Kontrollen. Mithilfe diffusiongewichteter MRT-Daten und Traktographie wurde das strukturelle Konnektom des Gehirns analysiert, also das Netzwerk der weißen Substanzverbindungen zwischen verschiedenen Hirnregionen.

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Tabletten, Film, Schmelztablette oder Gel – was für Menschen mit MS im Alltag wirklich besser funktioniert

Orale Medikamente gehören für viele Menschen mit Multipler Sklerose ganz selbstverständlich zum Alltag – sei es als krankheitsmodifizierende Therapie oder zur symptomatischen Behandlung. Gleichzeitig ist genau diese Selbstverständlichkeit trügerisch. Denn je nach Behinderungsgrad, Feinmotorik, Mundgefühl oder Schluckfunktion kann die Einnahme einer Tablette deutlich anspruchsvoller sein, als man im klinischen Alltag oft annimmt. In unserer aktuellen Studie wollten wir deshalb systematisch untersuchen, welche orale Darreichungsform von Menschen mit MS eigentlich als am besten handhabbar erlebt wird.

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Stammzellähnliche-Gedächtnis-T-Zellen bei Anti‑GAD65‑Antikörper‑assoziierten neurologischen Syndromen: Neue pathophysiologische Einblicke aus unserer aktuellen Studie

Anti‑Glutamat Decarboxylase 65 (GAD65)‑Antikörper‑assoziierte neurologische Syndrome sind immunvermittelte Erkrankungen, die das zentrale Nervensystem (ZNS) betreffen. Die pathophysiologischen Mechanismen sind bislang nur unzureichend verstanden und das Ansprechen auf aktuell verfügbare Therapien ist häufig begrenzt. Dies führt nicht selten zu lebenslangen neurologischen Beeinträchtigungen.

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Psoriasis unter B-Zell-Therapien bei MS – was unsere multizentrische Analyse zeigt

Autoimmune Komorbiditäten spielen bei der Therapieentscheidung in der Multiplen Sklerose eine größere Rolle, als man im Alltag manchmal denkt. Besonders die Psoriasis ist hier relevant. Zum einen ist sie bei Menschen mit MS häufiger als in der Allgemeinbevölkerung beschrieben, zum anderen stellt sie immunologisch eine besondere Konstellation dar: Während B-Zell-depletierende Therapien bei MS hochwirksam sind, ist die Psoriasis überwiegend T-zellvermittelt. Genau daraus ergibt sich die klinisch spannende Frage, ob B-Zell-Therapien eine Psoriasis auslösen oder verschlechtern können – und wie relevant dieses Problem im Alltag wirklich ist.

In unserer aktuellen multizentrischen Analyse haben wir deshalb 3228 MS-Patientinnen und -Patienten unter B-Zell-depletierenden Therapien an vier deutschen Universitätskliniken ausgewertet. Gesucht haben wir nach neu aufgetretener Psoriasis oder einer Verschlechterung einer bereits bekannten Psoriasis unter Ocrelizumab, Ofatumumab oder Rituximab. Das Ergebnis ist zunächst beruhigend: Insgesamt war dieses Ereignis selten. Sieben Patientinnen und Patienten entwickelten eine Psoriasis neu, bei zehn kam es zu einer Verschlechterung einer bekannten Psoriasis. Damit lag die Rate insgesamt bei etwa 0,5 Prozent.

Trotz der Seltenheit ist das klinisch relevant. Denn die Verläufe zeigen, dass es sich nicht nur um eine theoretische Nebenwirkung handelt. Im Median traten neue oder verschlechterte Psoriasis-Symptome nach 13 Monaten unter fortlaufender B-Zell-Therapie auf. Dabei war die klinische Ausprägung durchaus unterschiedlich: Patientinnen und Patienten mit neu aufgetretener Psoriasis zeigten im Median stärkere Hautmanifestationen als diejenigen mit einer Exazerbation einer bereits bekannten Erkrankung. Vermutlich spielt hier auch eine frühere Erkennung bei vorbekannter Psoriasis eine Rolle.

Die gute Nachricht aus unserer Analyse ist, dass die meisten Fälle gut behandelbar waren. In vielen Situationen reichten topische Therapien wie Calcipotriol oder Steroide aus, ohne dass die MS-Therapie abgesetzt werden musste. Nur in einem kleineren Teil der Fälle waren Therapieanpassungen notwendig – etwa ein Wechsel der MS-Therapie oder die zusätzliche Einleitung einer psoriasis-spezifischen Immuntherapie wie Secukinumab. Besonders relevant war dies bei höherer Psoriasis-Last oder bei psoriatischer Arthritis, wo eine rein lokale Therapie naturgemäß oft nicht ausreicht.

Inhaltlich interessant ist vor allem die immunologische Einordnung. Dass Psoriasis unter B-Zell-Depletion auftreten oder sich verschlechtern kann, wirkt auf den ersten Blick paradox. Gerade das macht die Beobachtung aber so spannend. B-Zell-Therapien hemmen nicht einfach nur “Entzündung”, sondern verschieben Immunnetzwerke. Denkbar ist, dass durch die Depletion regulatorischer B-Zell-Populationen proinflammatorische T-Zell-Achsen, insbesondere Th17-vermittelte Prozesse, weniger gebremst werden. Genau diese Achsen spielen bei der Psoriasis eine zentrale Rolle. Unsere Daten beweisen diesen Mechanismus nicht, sie passen aber gut zu der Hypothese, dass B-Zell-Depletion bei einzelnen Patientinnen und Patienten ein ohnehin vorhandenes psoriatisches Milieu demaskieren oder verstärken kann.

Für die Praxis heißt das vor allem: Psoriasis unter B-Zell-Therapien bei MS ist selten, aber real. Sie sollte deshalb bei neuen Hautveränderungen oder einer dermatologischen Verschlechterung mitgedacht werden. Gleichzeitig sprechen unsere Daten klar dagegen, dieses Risiko zu überschätzen. In der großen Mehrzahl der Fälle lässt sich die Situation mit etablierter Psoriasistherapie gut kontrollieren. Nur bei schwereren Verläufen muss die MS-Therapie angepasst oder um eine gezielte dermatologische Systemtherapie ergänzt werden.

Aus unserer Sicht unterstreicht die Arbeit vor allem eines: Bei MS geht es bei der Therapiewahl nicht nur um Krankheitsaktivität und Wirksamkeit, sondern auch um das Zusammenspiel mit autoimmunen Komorbiditäten. Gerade die Psoriasis ist ein gutes Beispiel dafür, dass moderne Hochwirksamkeitstherapien neue Fragen an der Schnittstelle zwischen Neuroimmunologie und systemischer Autoimmunität aufwerfen – und dass man diese im Alltag interdisziplinär denken muss.

Quelle: Kirschner P, Konen FF, Axhausen F, Ceylan U, Bucak E, Baumgart R, Masanneck L, Gingele S, Steinbrink K, Meuth SG, Gold R, Wolff S, Faissner S, Skripuletz T, Pfeuffer S, Pawlitzki M. Psoriasis under B-cell depleting therapies in multiple sclerosis: a retrospective multicenter analysis. Ther Adv Neurol Disord. 2026 Mar 19;19:17562864261427169. doi: 10.1177/17562864261427169. PMID: 41884017; PMCID: PMC13010001.

Muskel-MRT bei Myositiden – was frühe Muster schon verraten

Idiopathische inflammatorische Myopathien sind selten, heterogen und diagnostisch oft anspruchsvoll. Gerade in frühen Krankheitsstadien sind klinische Präsentation, Serologie und auch die histopathologische Einordnung nicht immer sofort eindeutig. In unserer aktuellen Arbeit haben wir uns deshalb die Frage gestellt, welchen Beitrag die Muskel-MRT bereits früh im Krankheitsverlauf leisten kann – nicht nur zur Erkennung einer Myositis, sondern auch zur Differenzierung verschiedener Subtypen.

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Schluckdiagnostik in Deutschland: Gute Strukturen im Krankenhaus, große Lücken ambulant

Schluckstörungen – medizinisch Dysphagie – sind bei vielen neurologischen Erkrankungen ein häufiges und klinisch hoch relevantes Problem. Sie treten unter anderem nach Schlaganfällen, bei Parkinson-Syndromen, neuroimmunologischen Erkrankungen, neuromuskulären Erkrankungen oder im höheren Lebensalter auf. Bleiben sie unerkannt oder werden nicht ausreichend behandelt, kann das schwerwiegende Folgen haben: Mangelernährung, Dehydratation, Aspirationspneumonien, Probleme bei der Medikamenteneinnahme und eine deutlich verminderte Lebensqualität. Umso wichtiger ist eine frühzeitige und verlässliche Diagnostik.

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Was das Ruhe-EEG über Multiple Sklerose verraten könnte

Multiple Sklerose verändert nicht nur das, was sich im MRT zeigt – sondern offenbar auch, wie das Gehirn im Hintergrund arbeitet. Genau das konnten wir in einer aktuellen Studie in Multiple Sclerosis and Related Disorderszeigen. Untersucht wurden Ruhe-EEGs von Menschen mit MS im Vergleich zu einer Kontrollgruppe. Dabei wurde deutlich: Auch wenn ein EEG im klinischen Alltag auf den ersten Blick unauffällig wirken kann, lassen sich mit modernen Analyseverfahren relevante Unterschiede in der Hirnaktivität sichtbar machen.

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Botulinumtoxin in Deutschland: Zugang ist da – Versorgungslücke bleibt

Botulinumtoxin A (BoNT-A) ist eine etablierte, hochwirksame Therapie in der Neurologie – z.B. bei post-Stroke-SpastikDystonien oder chronischer Migräne. Leitlinien empfehlen insbesondere bei Spastik eine frühe und ausreichend dosierte Behandlung, um Schmerzen, Kontrakturen und Funktionsverlust zu reduzieren. Trotzdem zeigt die Realität: Viele Patient:innen erhalten BoNT-A zu selten oder gar nicht.

Diese Arbeit nutzt Deutschland als Fallbeispiel und stellt eine zentrale Frage:

Liegt die Versorgungslücke an mangelnder Erreichbarkeit – oder an strukturellen Barrieren trotz guter Infrastruktur?

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