Tiefe Hirnstimulation und Schluckstörungen bei Morbus Parkinson: Was wissen wir über Effekte auf die oropharyngeale Dysphagie – und was fehlt noch?

Oropharyngeale Dysphagie (OD) ist eine häufige und klinisch relevante Komplikation bei Parkinson (PD) und kann – insbesondere bei Einsatz von FEES oder VFSS als Goldstandard – bei bis zu 80% der Betroffenen nachgewiesen werden. Sie tritt nicht nur in fortgeschrittenen Stadien auf, sondern kann auch früh im Krankheitsverlauf erscheinen. OD erhöht das Risiko für Mangelernährung, Aspirationspneumonie und andere respiratorische Komplikationen, steigert Morbidität und Mortalität und kann zudem die orale Medikamenteneinnahme beeinträchtigen, was motorische Fluktuationen verstärken kann. Da viele Patientinnen und Patienten ihre Schluckstörung nur eingeschränkt wahrnehmen und stille Aspiration häufig ist, sind instrumentelle Untersuchungen zentral; FEES eignet sich bei PD besonders gut, weil wiederholte Untersuchungen ohne Strahlenexposition möglich sind und sich Schluck-Phänotypen detailliert charakterisieren lassen.

Die Pathophysiologie der OD bei PD ist heterogen und umfasst zentrale und periphere Mechanismen. Zentral spielen die Basalganglien mit dopaminerger Dysfunktion eine Schlüsselrolle, was sich als bradykinetische, rigide, tremoröse oder „freezing“-artige oropharyngeale Motorik äußern kann. Darüber hinaus sind nicht-dopaminerge subkortikale und kortikale Netzwerke betroffen; Dual-Task-Studien deuten darauf hin, dass kognitive Reserve Schluckfunktionen teilweise kompensieren kann, aber unter Belastung versagt. Peripher finden sich α-Synuclein-Ablagerungen in pharyngealen motorischen und sensorischen Nerven, Mukosa und Muskulatur, was zu Atrophie, vergrößertem Pharynxraum und reduzierter Konstriktion beitragen kann. Sensorische Defizite – unter anderem diskutiert im Zusammenhang mit niedrigeren Substanz-P-Spiegeln – können Schutzreflexe und Hustenreaktion beeinträchtigen. Klinisch resultieren diese Mechanismen häufig in Residuen (typisch valleculär), verzögerter pharyngealer Triggerung, vorzeitiger Boluspassage in den Pharynx sowie gestörter Atem-Schluck-Koordination. Unterschiede zwischen motorischen PD-Phänotypen (z.B. tremor-dominant vs. akinetisch-rigid) sprechen dafür, dass OD-Manifestationen und potenzielle Therapieansprechen ebenfalls phänotypabhängig sein können.

Trotz dieser klinischen Bedeutung wird OD in der Praxis selten als primärer Faktor bei der Auswahl und Implementierung fortgeschrittener Therapien berücksichtigt. Die tiefe Hirnstimulation (DBS) ist eine etablierte Behandlung für motorische Symptome und Fluktuationen, typischerweise mit Elektroden im Nucleus subthalamicus (STN) oder Globus pallidus internus (GPi), und erlaubt eine Anpassung von Spannung/Amplitude, Pulsbreite und Frequenz. Während die motorischen Effekte gut belegt sind, bleiben die Auswirkungen auf das Schlucken bislang unklar und teils kontrovers. In einer narrativen Literaturübersicht wurden klinische Studien und Fallberichte aus MEDLINE, Embase und Cochrane Library bis Mai 2025 identifiziert. Eingeschlossen wurden 24 Arbeiten (prospektiv, retrospektiv und Fallberichte) mit insgesamt 535 PD-Patientinnen und -Patienten, die DBS-Effekte auf Schluckparameter untersuchten. Die methodischen Ansätze waren heterogen: Instrumentelle Diagnostik (VFSS oder FEES) wurde in 16 Studien eingesetzt, häufig mit der Penetration-Aspiration Scale (PAS); patientenberichtete Outcomes (z.B. SWAL-QoL, DHI, SDQ oder UPDRS-Items) zeigten nicht selten ein anderes Bild als objektive Messungen.

Insgesamt ist die Evidenz inkonsistent. STN-DBS zeigt die größte Variabilität: einzelne Studien berichten Verbesserungen bestimmter Parameter wie Aspirationshäufigkeit oder pharyngealer Timing-Maße, andere finden keinen Effekt, und wiederum andere beschreiben eine Verschlechterung der Schlucksicherheit – teils auch als langfristige Entwicklung. GPi-DBS erscheint in den wenigen verfügbaren Arbeiten überwiegend neutral, also weder klar verbessernd noch verschlechternd, allerdings ist die Evidenz hier auf kleine, meist retrospektive Studien begrenzt. Für alternative oder kombinierte Targets (z.B. caudale Zona incerta, STN plus Substantia nigra) ist die Datenlage spärlich und heterogen. Auffällig ist zudem, dass patientenberichtete Schluckverbesserungen häufig positiver ausfallen als instrumentelle Befunde, was bei PD auch durch reduzierte Symptomwahrnehmung, aber möglicherweise auch durch eine generelle Zufriedenheitssteigerung nach DBS erklärbar ist.

Mechanistisch lassen sich die widersprüchlichen Befunde plausibel einordnen: Nur jene OD-Komponenten, die eng mit basalganglionärer Motorik (Tremor, Bradykinesie, Rigidity, Freezing) verknüpft sind, dürften prinzipiell gut DBS-ansprechbar sein. Dagegen sind nicht-dopaminerge, kortikale und periphere Mechanismen vermutlich weniger beeinflussbar. Spezifisch bei STN-DBS spielt die anatomische Nähe zur Capsula interna eine Rolle: Wenn Stromausbreitung corticobulbäre Fasern erreicht, können bulbar-motorische Nebenwirkungen auftreten (z.B. Dysarthrie, potenziell auch Dysphagie). Programmierung und Lead-Konfiguration (monopolar vs. bipolar), Directional Steering und die Lage des aktiven Kontakts können diese Effekte entscheidend modulieren. Parameter wie Frequenz, Pulsbreite und Amplitude wurden bislang selten systematisch im Hinblick auf Schluckfunktionen variiert; zudem erschwert die unterschiedliche Gesamtenergie (TEED) bei Frequenzwechseln die Interpretation.

Aus den bisherigen Daten lassen sich noch keine belastbaren klinischen Empfehlungen ableiten, aber klare Forschungsbedarfe. Zukünftige Studien sollten ausreichend große Kohorten rekrutieren, standardisierte instrumentelle Protokolle (idealerweise mit detaillierter Phänotypisierung der OD) verwenden, kurz- und langfristige Effekte trennen und Stimulationseinstellungen systematisch untersuchen. Schluckendpunkte sollten explizit in DBS-Programmierung und Studienprotokolle integriert werden, insbesondere weil subtile, klinisch relevante Veränderungen durch grobe Skalen oder vereinfachte Auswertungen (z.B. Kategorie-Kollaps der PAS) leicht übersehen werden können. FEES ist dabei besonders geeignet, um wiederholte, strahlenfreie Messungen auch während Programmierphasen zu ermöglichen. Perspektivisch eröffnet adaptive DBS (aDBS) die Möglichkeit, Stimulation an physiologische Biomarker zu koppeln; hierfür braucht es jedoch valide, sensitive Marker, die Schluckfunktion zuverlässig abbilden.

Zusammengefasst zeigt die aktuelle Evidenz: DBS kann Schluckfunktionen bei PD beeinflussen, aber Richtung und Ausmaß sind variabel und hängen wahrscheinlich von OD-Phänotyp, Zielgebiet und Programmierung ab. Um diese Heterogenität zu verstehen und klinisch nutzbar zu machen, sind methodisch robuste, phänotypbasierte und parameter-sensible Studien notwendig.

Quelle: Hofacker et al. 2026