Neue Therapieansätze bei Multipler Sklerose – wohin entwickelt sich das Feld?

ie Therapie der Multiplen Sklerose hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten enorm weiterentwickelt. Viele der heute verfügbaren Medikamente können Schübe effektiv reduzieren und entzündliche Krankheitsaktivität bremsen. Dennoch bleibt eine zentrale Herausforderung bestehen: Bei vielen Patientinnen und Patienten schreitet die Behinderung langfristig weiter fort, auch ohne erkennbare Schübe. Genau hier setzen viele neue Forschungsansätze an.

Der aktuelle Review „Investigational approaches to MS therapy“ beschreibt, wie sich die MS-Therapie zunehmend von einer reinen Schubkontrolle hin zu einer präziseren, mechanismusbasierten Behandlung entwickelt. Das Ziel ist nicht mehr nur, akute Entzündung zu unterdrücken, sondern auch Progression zu verlangsamen, Reparaturprozesse im Nervensystem zu fördern und möglicherweise sogar sehr frühe Krankheitsprozesse zu verhindern.

Ein besonders vielversprechender Bereich sind sogenannte BTK-Inhibitoren. Diese Medikamente wirken auf Signalwege in B-Zellen und myeloiden Zellen, also auch auf Immunzellen, die im zentralen Nervensystem eine Rolle spielen können. Damit könnten sie insbesondere bei schleichender Progression relevant werden, wo klassische entzündungshemmende Therapien oft weniger greifen.

Ein weiterer Ansatz ist die CD40/CD40L-Blockade. Hier wird nicht die gesamte B-Zell-Population entfernt, sondern gezielt die Kommunikation zwischen Immunzellen beeinflusst. Das könnte eine selektivere Form der Immunmodulation darstellen.

Zunehmend in den Fokus rückt außerdem das Epstein-Barr-Virus (EBV). Da EBV sehr wahrscheinlich eine wichtige Rolle bei der Entstehung der MS spielt, werden Impfstoffe, antivirale Strategien und EBV-spezifische Zelltherapien untersucht. Noch ist unklar, wie stark sich diese Konzepte klinisch auswirken werden, aber sie markieren einen wichtigen Schritt hin zu kausaleren Therapieideen.

Neben der Immuntherapie gewinnt auch die Reparatur des Nervensystems an Bedeutung. Remyelinisierende Substanzen sollen geschädigte Myelinscheiden wiederherstellen und dadurch Nervenfasern besser schützen. Erste Studien zeigen biologische Signale, der klinische Nutzen ist bisher aber noch begrenzt und uneinheitlich.

Schließlich werden auch zellbasierte Therapien untersucht, darunter CAR-T-Zelltherapien und mesenchymale Stammzell-abgeleitete Vorläuferzellen. Diese Ansätze befinden sich noch in frühen Studienphasen, könnten aber langfristig neue Möglichkeiten für Immunreset, Reparatur und personalisierte Therapie eröffnen.

Insgesamt zeigt sich: Die MS-Forschung steht an einem Wendepunkt. Die nächste Generation von Therapien wird wahrscheinlich nicht nur danach bewertet werden, wie gut sie Schübe verhindert, sondern ob sie Progression, Gewebeschädigung und unzureichende Reparaturprozesse gezielt beeinflussen kann. Dafür werden bessere Biomarker, längere Studien und eine genauere Auswahl geeigneter Patientengruppen entscheidend sein.

Quelle: Boeckers JM, Pawlitzki M, Hartung HP, Ruck T, Meuth SG. Investigational approaches to multiple sclerosis therapy. Curr Opin Neurol. 2026 Jun 1;39(3):273-280. doi: 10.1097/WCO.0000000000001494. Epub 2026 Apr 29. PMID: 42051236.