In einer gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus Hannover durchgeführten prospektiven Studie in eClinicalMedicine haben wir untersucht, welchen Einfluss die 2024 revidierten McDonald-Kriterien auf die frühe Diagnose der Multiplen Sklerose (MS) haben. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie gut sich die neuen Kriterien mit bereits etablierten diagnostischen Verfahren wie MRT, Liquoruntersuchung und visuell evozierten Potenzialen (VEP) anwenden lassen. Neue MRT-Marker wie Central Vein Sign oder paramagnetische Randläsionen sowie die optische Kohärenztomographie wurden dabei nicht systematisch berücksichtigt.
Analysiert wurden 215 Erwachsene mit einem ersten demyelinisierenden Ereignis oder einem radiologisch isolierten Syndrom (RIS). Nach den McDonald-Kriterien von 2017 erfüllten 84% bereits bei der initialen Abklärung die Kriterien einer MS, nach den Kriterien von 2024 waren es 93,5%. Damit konnten 20 zusätzliche Personen bereits zu diesem frühen Zeitpunkt als MS klassifiziert werden.
Besonders wichtig war die neue Berücksichtigung des Sehnervs als fünfte anatomische Region. Auf diesen Aspekt entfielen 55% der zusätzlichen Diagnosen. Eine Sehnervbeteiligung wurde dabei überwiegend durch VEP erfasst, die bei 89% der Betroffenen mit Sehnervläsion auffällig waren. Damit zeigt sich, dass auch etablierte neurophysiologische Untersuchungen innerhalb der neuen Kriterien weiterhin eine wichtige diagnostische Rolle spielen.
Ein weiterer relevanter Faktor war die neue Einordnung von Personen mit RIS. Sieben von acht asymptomatischen Personen mit entsprechenden MRT-Veränderungen erfüllten nach den Kriterien von 2024 bereits die Voraussetzungen für eine MS-Diagnose. Bei diesen Fällen war insbesondere der Nachweis einer intrathekalen Entzündungsreaktion im Liquor entscheidend. Insgesamt benötigte etwa die Hälfte aller nach den neuen Kriterien diagnostizierten Personen zusätzlich zur MRT weitere diagnostische Merkmale wie oligoklonale Banden oder freie Kappa-Leichtketten.
Die Ergebnisse zeigen damit, dass die 2024 revidierten McDonald-Kriterien eine frühere MS-Diagnose ermöglichen können, ohne dass dafür zwingend bereits alle neu eingeführten Spezialuntersuchungen verfügbar sein müssen. Gleichzeitig unterstreicht die Studie die weiterhin hohe Bedeutung etablierter Verfahren wie MRT, VEP und insbesondere der Liquordiagnostik.
Zusammenfassung: Die neuen McDonald-Kriterien erhöhten in dieser Kohorte den Anteil früher MS-Diagnosen von 84 auf 93,5%. Besonders die Einbeziehung des Sehnervs sowie die Neubewertung von Hochrisiko-RIS-Fällen waren hierfür verantwortlich. Die Studie zeigt zugleich, dass klassische Routinediagnostik auch unter den neuen Kriterien eine zentrale Rolle behält und neue MRT-Marker nur bei einem kleinen Teil von Patienten überhaupt zur Diagnosestellung benötigt werden.

