Das Epstein-Barr-Virus, kurz EBV, gilt inzwischen als einer der wichtigsten Umweltfaktoren für die Entstehung der Multiplen Sklerose. Fast alle Menschen mit MS waren zuvor mit EBV infiziert, und große Langzeitstudien sprechen dafür, dass eine EBV-Infektion eine wichtige Voraussetzung für die spätere Krankheitsentwicklung sein kann. Weniger klar war bislang allerdings, ob EBV auch bei einzelnen MS-Schüben eine Rolle spielt.
Eine neue Studie in Nature Medicine liefert nun genau dafür interessante Hinweise. Die Forschenden untersuchten Blutproben von Menschen mit schubförmiger MS, die über viele Jahre im Rahmen einer großen Langzeitkohorte gesammelt worden waren. Das Besondere: Bei einigen Patientinnen und Patienten waren Blutproben bereits Wochen oder Monate vor einem späteren, durch MRT bestätigten Schub entnommen worden – zu einem Zeitpunkt, an dem klinisch noch keine neue Krankheitsaktivität erkennbar war.
Insgesamt wurden Daten von 135 Personen und 240 Blutproben ausgewertet. Mit modernen Methoden wie Einzelzell-RNA-Sequenzierung, Durchflusszytometrie und gezielten Analysen viraler RNA konnten die Forschenden sehr genau untersuchen, wie sich das Immunsystem vor, während und außerhalb eines Schubs verändert.
Das zentrale Ergebnis: Bereits bis zu drei Monate vor einem MS-Schub zeigte sich eine deutliche Aktivierung des peripheren Immunsystems. Besonders auffällig waren Veränderungen bei Monozyten und B-Zellen. Unter den B-Zellen nahm eine spezielle Gruppe zu, sogenannte atypische oder CD11c-positive B-Zellen. Solche Zellen kennt man auch aus chronischen Virusinfektionen und anderen Autoimmunerkrankungen.
Noch spannender war der Zusammenhang mit EBV. In den B-Zellen vor einem Schub fanden sich vermehrt Genaktivitätsmuster, die typischerweise zu einer frühen Reaktivierung des Epstein-Barr-Virus passen. Besonders deutlich war das beim viralen Protein LMP-1. Dieses Protein kann wichtige Signalwege innerhalb von B-Zellen aktivieren und dadurch deren Überleben, Aktivierung und Kommunikation mit anderen Immunzellen beeinflussen.
Zusätzlich fanden die Forschenden bei einem kleinen Teil der B-Zellen häufiger das EBV-Oberflächenprotein gp350. Insgesamt waren diese Zellen selten, ihre Häufigkeit war vor einem Schub jedoch erhöht. Gleichzeitig zeigte sich im gesamten Immunsystem eine verstärkte Interferonantwort – also genau jene Form der Immunaktivierung, die häufig bei Virusreaktionen beobachtet wird.
Die Studie legt deshalb ein interessantes Modell nahe: EBV könnte bei einem Teil der Menschen mit MS episodisch in infizierten B-Zellen reaktiviert werden. Diese Reaktivierung muss offenbar nicht zu einer ausgeprägten Virusvermehrung führen. Schon eine teilweise oder sogenannte abortive Reaktivierung könnte ausreichen, um B-Zellen zu aktivieren und eine größere Immunreaktion anzustoßen.
Hinzu kommt die genetische Veranlagung. Die B-Zell-Populationen, die sich vor einem Schub am stärksten veränderten, waren gleichzeitig besonders stark mit bekannten genetischen Risikofaktoren für MS verbunden. Damit könnte sich erklären lassen, warum dieselbe virale Aktivierung bei unterschiedlichen Menschen sehr verschiedene Folgen hat: Bei einer entsprechenden genetischen Anfälligkeit könnte die Immunantwort leichter in eine krankheitsrelevante Richtung kippen.
Das heißt allerdings nicht, dass nun bewiesen wäre, dass EBV einen MS-Schub verursacht. Die Studie ist beobachtend und kann Kausalität nicht endgültig belegen. Denkbar ist beispielsweise auch, dass eine allgemeine Aktivierung des Immunsystems sowohl EBV reaktiviert als auch einen Schub begünstigt. Ebenso könnte EBV eher ein Verstärker als der eigentliche Auslöser sein.
Trotzdem sind die Ergebnisse klinisch interessant. Wenn sich die Befunde bestätigen, könnten bestimmte B-Zell-Populationen oder EBV-assoziierte Marker künftig möglicherweise dabei helfen, Krankheitsaktivität schon vor dem Auftreten eines klinischen Schubs zu erkennen. Davon ist die Forschung derzeit allerdings noch weit entfernt. Sensitivität, Spezifität und der zusätzliche Nutzen gegenüber etablierten Markern wie MRT oder Neurofilament müssen zunächst prospektiv untersucht werden.
Die vielleicht wichtigste Botschaft der Studie ist deshalb: Ein MS-Schub beginnt biologisch offenbar nicht erst mit den ersten neurologischen Symptomen. Veränderungen im Immunsystem können bereits Wochen bis Monate vorher nachweisbar sein. Und EBV könnte dabei stärker beteiligt sein, als bislang angenommen.

