Bei zerebraler Amyloidangiopathie, kurz CAA, denkt man klassischerweise an eine eher „stille“ Gefäßerkrankung des höheren Lebensalters: Beta-Amyloid lagert sich in den Wänden kortikaler und leptomeningealer Gefäße ab, die Gefäße werden fragil, und das Risiko für lobäre Hirnblutungen steigt. Entzündung spielt in diesem Bild traditionell nur eine Nebenrolle – außer bei der seltenen, klar definierten CAA-assoziierten Entzündung (CAA-ri), die mit akuten neurologischen Symptomen und markanten MRT-Veränderungen einhergeht. Eine neue Fallserie rückt dieses Verständnis nun deutlich zurecht und zeigt: Auch hinter der kortikalen superfiziellen Siderose (cSS), einem bekannten Blutungsmarker bei CAA, steckt offenbar viel häufiger eine bislang unterschätzte meningovaskuläre Entzündung.
„Meningovascular Inflammation in Cerebral Amyloid Angiopathy-Related Cortical Superficial Siderosis“ weiterlesenOcrelizumab Stop – und dann?
In der MS-Therapie wird zunehmend diskutiert, ob und wann man hochwirksame B-Zell-depletierende Therapien wie Ocrelizumab zeitweise pausieren oder beenden kann. Hintergrund sind vor allem Sicherheitsaspekte wie kumulierende Infektanfälligkeit und Hypogammaglobulinämie, aber auch praktische Fragen aus der Pandemiezeit. Gleichzeitig ist die Evidenzlage zur optimalen Strategie nach Absetzen bislang begrenzt gewesen: Viele Arbeiten waren retrospektiv, heterogen in den Populationen und hatten kurze Nachbeobachtungszeiten. Genau hier setzt eine aktuelle prospektive, zwei-zentrige Kohortenstudie aus Deutschland an, die untersucht, wie häufig Krankheitsaktivität nach Ocrelizumab-Absetzen wieder auftritt und ob sich das Risiko für schubunabhängige Progression verändert.
„Ocrelizumab Stop – und dann?“ weiterlesenVirus-Specific T Cells and Response to Checkpoint Inhibitors in Progressive Multifocal Leukoencephalopathy
In einer großen multizentrischen Kohortenstudie wurde untersucht, ob sich vor Beginn einer Checkpoint-Inhibitor-Therapie (ICI) bei Patienten mit progressiver multifokaler Leukoenzephalopathie (PML) im Blut nachweisbare JC-Virus- (JCV) oder BK-Virus- (BKV) spezifische T-Zellen als Biomarker für den Therapieerfolg eignen. PML ist eine lebensbedrohliche demyelinisierende ZNS-Infektion durch Reaktivierung von JCV bei immunsupprimierten Patienten. Da es keine effektiven antiviralen Therapien gibt, hängt die Prognose wesentlich davon ab, die zelluläre Immunität wiederherzustellen. Vor diesem Hintergrund werden zunehmend ICIs wie Pembrolizumab, Nivolumab oder Atezolizumab eingesetzt, um T-Zell-Erschöpfung über die PD-1/PD-L1-Achse zu durchbrechen und antivirale Immunantworten zu reaktivieren. Allerdings sprechen nicht alle Patienten an – prädiktive Marker fehlten bislang.
„Virus-Specific T Cells and Response to Checkpoint Inhibitors in Progressive Multifocal Leukoencephalopathy“ weiterlesenTiefe Hirnstimulation und Schluckstörungen bei Morbus Parkinson: Was wissen wir über Effekte auf die oropharyngeale Dysphagie – und was fehlt noch?
Oropharyngeale Dysphagie (OD) ist eine häufige und klinisch relevante Komplikation bei Parkinson (PD) und kann – insbesondere bei Einsatz von FEES oder VFSS als Goldstandard – bei bis zu 80% der Betroffenen nachgewiesen werden. Sie tritt nicht nur in fortgeschrittenen Stadien auf, sondern kann auch früh im Krankheitsverlauf erscheinen. OD erhöht das Risiko für Mangelernährung, Aspirationspneumonie und andere respiratorische Komplikationen, steigert Morbidität und Mortalität und kann zudem die orale Medikamenteneinnahme beeinträchtigen, was motorische Fluktuationen verstärken kann. Da viele Patientinnen und Patienten ihre Schluckstörung nur eingeschränkt wahrnehmen und stille Aspiration häufig ist, sind instrumentelle Untersuchungen zentral; FEES eignet sich bei PD besonders gut, weil wiederholte Untersuchungen ohne Strahlenexposition möglich sind und sich Schluck-Phänotypen detailliert charakterisieren lassen.
Die Pathophysiologie der OD bei PD ist heterogen und umfasst zentrale und periphere Mechanismen. Zentral spielen die Basalganglien mit dopaminerger Dysfunktion eine Schlüsselrolle, was sich als bradykinetische, rigide, tremoröse oder „freezing“-artige oropharyngeale Motorik äußern kann. Darüber hinaus sind nicht-dopaminerge subkortikale und kortikale Netzwerke betroffen; Dual-Task-Studien deuten darauf hin, dass kognitive Reserve Schluckfunktionen teilweise kompensieren kann, aber unter Belastung versagt. Peripher finden sich α-Synuclein-Ablagerungen in pharyngealen motorischen und sensorischen Nerven, Mukosa und Muskulatur, was zu Atrophie, vergrößertem Pharynxraum und reduzierter Konstriktion beitragen kann. Sensorische Defizite – unter anderem diskutiert im Zusammenhang mit niedrigeren Substanz-P-Spiegeln – können Schutzreflexe und Hustenreaktion beeinträchtigen. Klinisch resultieren diese Mechanismen häufig in Residuen (typisch valleculär), verzögerter pharyngealer Triggerung, vorzeitiger Boluspassage in den Pharynx sowie gestörter Atem-Schluck-Koordination. Unterschiede zwischen motorischen PD-Phänotypen (z.B. tremor-dominant vs. akinetisch-rigid) sprechen dafür, dass OD-Manifestationen und potenzielle Therapieansprechen ebenfalls phänotypabhängig sein können.
„Tiefe Hirnstimulation und Schluckstörungen bei Morbus Parkinson: Was wissen wir über Effekte auf die oropharyngeale Dysphagie – und was fehlt noch?“ weiterlesenNetzwerkanalyse struktureller White-Matter-Konnektivität bei Major Depression mit und ohne komorbide Angststörung
Die Studie untersucht, ob sich die strukturelle White-Matter-Konnektivität bei Major Depression (MDD) je nach Vorliegen einer komorbiden Angststörung (ANX) unterscheidet. Dafür wurden in einer großen Kohorte strukturelle Hirnnetzwerke aus T1- und Diffusions-MRT rekonstruiert: 906 gesunde Kontrollen, 532 Personen mit MDD ohne komorbide Angstdiagnose und 249 Personen mit MDD plus mindestens einer Angststörung. Die Auswertung erfolgte netzwerkbasiert mit Network-Based Statistics (NBS) und berücksichtigte zentrale Kovariaten wie Alter, Geschlecht und Scanner-Standort.
„Netzwerkanalyse struktureller White-Matter-Konnektivität bei Major Depression mit und ohne komorbide Angststörung“ weiterlesenEvolution of Retinal Morphology Changes in Amyotrophic Lateral Sclerosis
Optische Kohärenztomographie (OCT) hat sich in der Neurologie in den letzten Jahren als attraktives Fenster ins ZNS etabliert – vor allem dort, wo man strukturelle Veränderungen objektiv und wiederholt messen möchte. Bei Multipler Sklerose wird OCT längst als begleitender Biomarker diskutiert. Umso naheliegender ist die Frage, ob sich OCT auch bei amyotropher Lateralsklerose (ALS) als Marker für Neurodegeneration und Krankheitsprogression eignet.
„Evolution of Retinal Morphology Changes in Amyotrophic Lateral Sclerosis “ weiterlesenPrognostic relevance of MRI in early relapsing multiple sclerosis: ready to guide treatment decision making?
Die Magnetresonanztomographie (MRT) des Gehirns und des Rückenmarks spielt eine entscheidende Rolle bei der Diagnose und Überwachung der Multiplen Sklerose (MS). Es gibt überzeugende Beweise dafür, dass MRT-Befunde des Gehirns und des Rückenmarks in frühen Krankheitsstadien auch relevante Einblicke in die individuelle Prognose bieten. Dies umfasst die Vorhersage von Krankheitsaktivität und Krankheitsprogression, die Akkumulation langfristiger Behinderungen und den Übergang zur sekundär progredienten MS.
„Prognostic relevance of MRI in early relapsing multiple sclerosis: ready to guide treatment decision making?“ weiterlesenNicht der Anfang, sondern der Verlauf? Neue Perspektiven auf die Darm-Gehirn-Achse bei MS
Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems und die häufigste nicht-traumatische Ursache von Behinderung bei jungen Menschen. Anhaltende Entzündung kann zu fortschreitender Demyelinisierung und nachfolgendem axonalem Schaden führen. Trotz intensiver Forschung ist die Ursache der MS nicht abschließend geklärt – wahrscheinlich greifen genetische und Umweltfaktoren ineinander. Zu den diskutierten Umweltfaktoren gehören neben Infektionen (z. B. eine Reaktivierung des Epstein-Barr-Virus) und Störungen des Vitamin-D-Haushalts zunehmend auch Veränderungen der Darm-Gehirn-Achse. Insbesondere das Konzept einer intestinalen Dysbiose ist in den letzten Jahren ins Zentrum des Interesses gerückt.
„Nicht der Anfang, sondern der Verlauf? Neue Perspektiven auf die Darm-Gehirn-Achse bei MS“ weiterlesenImpfen unter Immuntherapie bei neurologischen Autoimmunerkrankungen
Mit hochwirksamen krankheitsmodifizierenden Therapien hat sich die Versorgung von Menschen mit neurologischen Autoimmunerkrankungen deutlich verändert. Parallel rückt ein Thema stärker in den Vordergrund, das im klinischen Alltag lange eher nebenbei lief: Impfungen. Gerade weil viele dieser Therapien gezielt in Immunfunktionen eingreifen, stellen sich in der Praxis ganz konkrete Fragen – wie gut wirken Impfungen unter laufender Immuntherapie, wann ist der beste Zeitpunkt, und welche Impfstoffe sind problematisch?
„Impfen unter Immuntherapie bei neurologischen Autoimmunerkrankungen“ weiterlesenSchluckstörungen im Alter neu denken – warum oropharyngeale Dysphagie ein neurogeriatrisches Syndrom ist
Oropharyngeale Dysphagie ist in neurogeriatrischen Populationen häufig und klinisch hochrelevant: Sie erhöht das Risiko für Mangelernährung, Aspirationspneumonien und Mortalität und beeinträchtigt die Lebensqualität erheblich. Gleichzeitig begegnen wir in der Praxis einer großen Heterogenität – Dysphagie zeigt sich als multiätiologisches Syndrom mit unterschiedlichen Phänotypen, Verläufen und Komplikationsrisiken.
„Schluckstörungen im Alter neu denken – warum oropharyngeale Dysphagie ein neurogeriatrisches Syndrom ist“ weiterlesen
