Botulinumtoxin A (BoNT-A) ist eine etablierte, hochwirksame Therapie in der Neurologie – z.B. bei post-Stroke-Spastik, Dystonien oder chronischer Migräne. Leitlinien empfehlen insbesondere bei Spastik eine frühe und ausreichend dosierte Behandlung, um Schmerzen, Kontrakturen und Funktionsverlust zu reduzieren. Trotzdem zeigt die Realität: Viele Patient:innen erhalten BoNT-A zu selten oder gar nicht.
Diese Arbeit nutzt Deutschland als Fallbeispiel und stellt eine zentrale Frage:
Liegt die Versorgungslücke an mangelnder Erreichbarkeit – oder an strukturellen Barrieren trotz guter Infrastruktur?
Die Studie kombiniert zwei Ansätze. Zum einen wurde eine geospatiale Analyse durchgeführt, die auf den verpflichtenden Krankenhausqualitätsberichten 2022 basiert. Zentren wurden als Einrichtungen mit neurologischer Abteilung und dokumentierten BoNT-A-Anwendungen identifiziert, anschließend wurden Fahrzeit-Isochronen berechnet und mit Bevölkerungsdaten überlagert. Das Ergebnis ist zunächst beeindruckend: Rund 69% der Bevölkerung leben innerhalb von 30 Minuten Fahrzeit zu einem geeigneten Zentrum, knapp 97% innerhalb von 60 Minuten und fast 100% innerhalb von 90 Minuten. Rein theoretisch ist die Versorgung also nahezu flächendeckend erreichbar – der Engpass liegt offensichtlich nicht primär in der Infrastruktur oder in unzumutbaren Anfahrtswegen.
Zum anderen erhob der Arbeitskreis Botulinumtoxin (AK-BoNT) über mehrere Monate eine anonyme Online-Befragung unter seinen Mitgliedern. Von 632 eingeladenen Personen nahmen 191 vollständig teil, was einer Response Rate von 30% entspricht. Die Mehrheit der Teilnehmenden waren Neurologinnen und Neurologen, und zwei Drittel hatten mehr als zehn Jahre Erfahrung mit BoNT-A. In der Einschätzung der Behandler wird BoNT-A weiterhin als sehr wirksam wahrgenommen, und über 60% bewerten die Therapie indikationsübergreifend als effektiv. Gleichzeitig wird aber deutlich, warum die Versorgungslücke trotz guter Erreichbarkeit bestehen bleibt: Viele Befragte berichten über strukturelle und ökonomische Barrieren, insbesondere unzureichende oder regional sehr unterschiedliche Vergütungs- und Abrechnungswege sowie organisatorische Hürden und eine unzureichende interdisziplinäre Zusammenarbeit. Ein relevanter Anteil gab an, dass die derzeitige Vergütungspraxis das Angebot spürbar einschränkt, und die große Mehrheit erwartet, dass bessere Abrechnungsmodalitäten die Versorgung deutlich verbessern würden. Hinzu kommt ein „Nachwuchsproblem“: Viele erfahrene Behandler gehören zu älteren Jahrgängen, wodurch die Sicherung von Expertise über strukturierte Weiterbildung und Training für jüngere Kolleginnen und Kollegen zunehmend wichtig wird.
Der zentrale Befund der Arbeit lässt sich damit klar zusammenfassen: Deutschland ist ein Beispiel dafür, dass eine gute geografische Erreichbarkeit spezialisierter Versorgung nicht automatisch zu einer guten realen Nutzung führt. Selbst in einem gut ausgestatteten System können relevante Behandlungslücken bestehen, wenn die administrativen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen die Anwendung erschweren oder wenn sektorenübergreifende Prozesse und Zuweisungspfade nicht funktionieren. Als Konsequenz empfehlen die Autorinnen und Autoren vor allem standardisierte und bundesweit einheitlichere Vergütungsstrukturen, mehr Ausbildung und Fortbildung sowie eine bessere Vernetzung zwischen ambulanten und stationären Strukturen und multiprofessionellen Teams. Die Studie liefert damit nicht nur eine Diagnose für Deutschland, sondern auch eine übertragbare Lehre: Versorgungslücken entstehen häufig weniger durch fehlende Zentren, sondern durch das System, das ihre Nutzung steuert

