Eine aktuelle Studie zeigt einen spannenden Ansatz für die Rehabilitation bei Multipler Sklerose (MS): den Einsatz einer Gehirn-Computer-Schnittstelle (Brain-Computer Interface, BCI) in Kombination mit funktioneller Elektrostimulation (FES) und virtuellem Feedback. Im Zentrum steht dabei die Frage, ob sich Gehfähigkeit und Mobilität auch bei Menschen mit moderater bis höherer Behinderung durch ein gezieltes, technologiegestütztes Training verbessern lassen – und zwar ohne klassisches, körperlich sehr belastendes Gangtraining.
Der Hintergrund ist klinisch sehr relevant. Viele Menschen mit MS leiden im Verlauf unter einer zunehmenden Einschränkung der Gehfähigkeit, oft begleitet von Spastik, Fatigue und reduzierter Lebensqualität. Zwar gibt es wirksame immunmodulatorische Therapien, die Krankheitsaktivität bremsen können, die funktionelle Einschränkung im Alltag bleibt aber häufig eine große Herausforderung. Rehabilitative Verfahren sind daher zentral, stoßen aber bei Fatigue und Belastungsintoleranz oft an Grenzen.
Genau hier setzt das untersuchte BCI-Konzept an. Die Teilnehmenden führen keine aktive Gehbewegung aus, sondern stellen sich gezielt Bewegungen vor – etwa das Heben des Fußes oder der Hand. Diese motorische Vorstellung wird per EEG erfasst. Erkennt das System die passende Aktivität im motorischen Kortex, wird unmittelbar ein Feedback ausgelöst: ein Avatar in der virtuellen Darstellung bewegt sich, und gleichzeitig wird über FES eine Muskelstimulation ausgelöst. Das Prinzip ist also ein geschlossener Regelkreis – nur bei erfolgreicher motorischer Vorstellung kommt es zur Rückmeldung. Das ist neurophysiologisch plausibel, weil gerade diese zeitliche Kopplung von Intention und sensorischem Feedback als wichtig für plastische Veränderungen im Nervensystem gilt.
In die Studie wurden 26 Menschen mit MS eingeschlossen, 24 schlossen das gesamte Programm ab. Das Training umfasste 30 Sitzungen über etwa 2,5 Monate, mit drei Sitzungen pro Woche. Erfasst wurden die Effekte nicht nur direkt nach der Intervention, sondern auch in der Nachbeobachtung nach 1 Monat und nach 6 Monaten. Untersucht wurden dabei mehrere funktionelle und patientenberichtete Endpunkte – darunter der 6-Minuten-Gehtest (6MWT), der Timed 25-Foot Walk (T25FW), der Timed Up and Go (TUG), die Spastik (Modified Ashworth Scale) sowie MS-spezifische Fragebögen zu Krankheitsbelastung und Fatigue (MSIS-29, MFIS).
Die Ergebnisse sind bemerkenswert. Die Gehstrecke im 6-Minuten-Gehtest verbesserte sich nach der Therapie im Mittel um rund 37 Meter und blieb auch nach 6 Monaten noch über dem Ausgangswert. Das ist nicht nur statistisch signifikant, sondern überschreitet auch die klinisch relevante Schwelle, die in der MS-Forschung für den 6MWT diskutiert wird. Auch die Gehgeschwindigkeit und Mobilität verbesserten sich: Sowohl TUG als auch T25FW zeigten deutliche Verbesserungen nach der Intervention, die in der Nachbeobachtung weitgehend erhalten blieben. Zusätzlich nahm die Spastik ab, und die Teilnehmenden berichteten über eine geringere Krankheitsbelastung und weniger fatiguebezogene Einschränkungen im Alltag.
Besonders interessant ist, dass das Training im Sitzen durchgeführt wurde. Das könnte ein echter Vorteil für viele MS-Betroffene sein, die von klassischen Rehaprogrammen zwar profitieren könnten, aber durch Fatigue oder eingeschränkte Belastbarkeit nur schwer daran teilnehmen können. Der Ansatz wirkt damit potenziell “fatigue-sparend”, ohne die funktionellen Ziele aus dem Blick zu verlieren.
Die Studie liefert außerdem Hinweise darauf, dass Menschen mit höherem Behinderungsgrad tendenziell sogar stärker profitieren könnten – möglicherweise, weil hier mehr “Luft nach oben” besteht oder weil das BCI-FES-Prinzip gerade bei eingeschränkter willkürlicher Ansteuerung besonders sinnvoll ist. Allerdings waren die Subgruppen klein, sodass diese Beobachtung eher als Hypothese für weitere Studien zu verstehen ist.
Wichtig ist auch die Einordnung der Grenzen. Es handelt sich um eine einarmige Studie ohne Kontrollgruppe. Das heißt: Die Ergebnisse sind vielversprechend, aber noch kein endgültiger Wirksamkeitsnachweis im Sinne einer randomisierten kontrollierten Studie. Unklar bleibt insbesondere, wie groß der zusätzliche Effekt des BCI-Anteils gegenüber einer reinen FES-Therapie ist. Künftige Studien sollten deshalb gezielt MI-BCI + FES gegen FES allein oder gegen nicht-kontingentes Feedback vergleichen.
Auch wenn also noch nicht alle Fragen beantwortet sind, ist die Arbeit ein starkes Signal: BCI-gestützte Rehabilitation bei MS ist praktisch umsetzbar, wurde in dieser Studie gut vertragen und war mit klinisch relevanten Verbesserungen in mehreren für den Alltag wichtigen Bereichen verbunden – inklusive eines Effekts, der bis zu 6 Monate nach Therapieende anhielt. Für die Neurorehabilitation bei MS eröffnet das einen spannenden Weg, gerade für Patientinnen und Patienten mit höherer Behinderung und ausgeprägter Fatigue, bei denen klassische Trainingskonzepte oft schwer umzusetzen sind.

