Schlaganfall: Minuten zählen – und Telemedizin kann Wege verkürzen

Bei einem Schlaganfall entscheidet oft jede Minute über den Verlauf: Je schneller die Diagnose gestellt und die Therapie begonnen wird, desto mehr Hirngewebe kann gerettet werden – und desto besser sind die Chancen auf eine gute Erholung.

In einer aktuellen Studie haben wir untersucht, wie gut Menschen in Deutschland zeitkritische Schlaganfallversorgung erreichen können – und ob ein telemedizinisch gestützter Ansatz die Versorgung beschleunigen könnte.

Warum Tempo so wichtig ist

Beim ischämischen Schlaganfall verschließt ein Blutgerinnsel ein Hirngefäß. Je nach Situation kommen zwei zentrale Therapien infrage:

  • Lysetherapie: medikamentöse Auflösung des Gerinnsels (Zeitfenster typischerweise bis 4,5 Stunden nach Symptombeginn)
  • Thrombektomie: kathetergestützte mechanische Entfernung des Gerinnsels in spezialisierten Zentren

“Schon wenige Minuten Verzögerung der Therapie verschlechtern messbar die Chance auf eine gute Erholung”, sagt Prof. Dr. Michael Gliem, kommissarischer Direktor der Klinik für Neurologie und Leiter der Stroke Unit am UKD. Gleichzeitig erhalten in Europa bislang nur vergleichsweise wenige Patient:innen sehr früh eine leitliniengerechte Akuttherapie – unter anderem, weil Transportwege und Strukturen nicht überall gleich gut verfügbar sind.

Zwei Strategien im Vergleich: Direkt zur Stroke Unit – oder erst zum CT?

In Deutschland gibt es zertifizierte Stroke Units, also spezialisierte Akutstationen für die Schlaganfallversorgung. Diese Strukturen sind essenziell – aber nicht überall gleich schnell erreichbar.

Die Studie vergleicht deshalb zwei Versorgungswege:

1) Direkter Transport zur Stroke Unit

Patient:innen werden direkt in eine zertifizierte Stroke Unit gebracht – ideal, wenn sie schnell erreichbar ist.

2) Hub-and-Spoke mit telemedizinischer Unterstützung

Patient:innen werden zunächst ins nächstgelegene Krankenhaus mit CT gebracht. Dort erfolgt sofort die Bildgebung. Über Telemedizin wird gemeinsam mit einer Stroke Unit entschieden, ob sofort eine Lysetherapie gestartet wird. Falls nötig, erfolgt anschließend die Verlegung in ein Zentrum (z.B. zur Thrombektomie).

Die Idee dahinter: CT-Geräte sind in Deutschland deutlich breiter verfügbar als Stroke Units. Wenn man diese Infrastruktur konsequent nutzt und telemedizinisch absichert, könnte der Therapiebeginn schneller erfolgen – besonders dort, wo die nächste Stroke Unit weiter entfernt ist.

So wurde analysiert: Deutschlandweite Fahrzeiten und Szenarien

Für die Auswertung wurden bundesweit Krankenhäuser mit CT, “stroke-ready” Kliniken (mit hoher Schlaganfall-Expertise) und zertifizierte Stroke Units erfasst. Mittels geographischer Modellierung wurden Fahrzeiten (5 bis 60 Minuten) berechnet und mit Bevölkerungs- und Siedlungsdaten kombiniert. Zusätzlich simulierte das Team unterschiedliche Bedingungen, z.B. Rettungswagen-Geschwindigkeiten oder Verzögerungen im erstangefahrenen Krankenhaus.

Die Ergebnisse: CT fast überall schnell – Stroke Units nicht immer

Die Analyse zeigt eine klare Staffelung:

  • Ein CT-ausgestattetes Krankenhaus ist für 98,9 % der Bevölkerung innerhalb von 30 Minuten erreichbar.
  • Ein stroke-ready Krankenhaus für 90,0 %.
  • Eine zertifizierte Stroke Unit hingegen nur für 85,0 % innerhalb von 30 Minuten.

Das bedeutet: Viele Menschen erreichen schnell ein CT – aber nicht zwingend schnell eine spezialisierte Stroke Unit.

Wo das Hub-and-Spoke-Modell Zeit gewinnen könnte

Genau hier setzt das telemedizinische Hub-and-Spoke-Konzept an. Im Vergleich zur direkten Fahrt zur Stroke Unit könnten:

  • 36,4 % der Bevölkerung die Bildgebung mindestens 10 Minuten früher starten,
  • 14,2 % sogar mindestens 20 Minuten früher.

Wichtig: Der Nutzen hängt stark davon ab, wie effizient das erste Krankenhaus arbeitet. Wenn im “Spoke” zusätzliche Verzögerungen beim CT auftreten, schrumpfen die Zeitgewinne deutlich.

Besonders relevant: ländliche Regionen und Unterschiede zwischen Bundesländern

Die potenziellen Vorteile liegen vor allem in ländlichen Regionen, wo die Wege zur nächsten Stroke Unit länger sind. Auch zwischen Bundesländern gab es große Unterschiede: In Sachsen-Anhalt könnten unter Standardannahmen fast die Hälfte der Bevölkerung profitieren – während der Effekt in Stadtstaaten wie Hamburg, Bremen oder Berlin unter fünf Prozent lag.

Insgesamt macht die Studie sichtbar, dass es auch in einem gut ausgebauten Gesundheitssystem messbare Ungleichheiten in der schnellen Schlaganfallversorgung gibt.

Was heißt das für die Praxis?

“Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine konsequente Nutzung CT-ausgestatteter Krankenhäuser in Kombination mit Telemedizin helfen könnte, Diagnostik und Lysetherapie schneller verfügbar zu machen und damit die Versorgungslücke insbesondere im ländlichen Raum zu verkleinern”, erläutert Prof. Gliem. Gleichzeitig bleiben praktische Fragen zentral:

  • Welche Abläufe und Qualitätsstandards minimieren Verzögerungen im ersten Krankenhaus?
  • Wie organisiert man Transportlogistik, Personal und Zuständigkeiten?
  • Wie ist die Kosten-Nutzen-Bilanz im Vergleich zu Alternativen wie mobilen Stroke Units?

Interaktive Web-App: Ergebnisse bis auf Landkreisebene

“Um genaue Vergleiche vor Ort treffen zu können, haben wir die Ergebnisse auch für Landkreise und Bundesländer berechnet und als interaktive Webapp veranschaulicht – so können sich Fachpersonal, aber auch Laien ein Bild von der Lage in der eigenen Umgebung machen”, sagt Dr. Lars Masanneck, Erstautor der Studie und Co-Leiter der Arbeitsgruppe “Digitale Translation in der Neurologie” am UKD.

Die Web-App ist hier verfügbar:

https://masannecklab.github.io/GeoStroke-Visualizer

Fazit

Die Studie liefert erstmals eine deutschlandweite, fahrzeitbasierte Modellierung der Erreichbarkeit verschiedener Schlaganfallstrukturen – und zeigt, wo ein telemedizinisch unterstütztes Hub-and-Spoke-Konzept besonders viel Zeit gewinnen könnte. Damit schafft sie eine Grundlage, Versorgungsstrategien gezielt dort weiterzuentwickeln, wo der Nutzen für Patient:innen am größten wäre.


Originalpublikation

Masanneck L., Vach M., Caspers J., Rubbert C., von der Lieth D., Meuth S.G., Pawlitzki M., Gliem M. Direct stroke unit access versus a hub-and-spoke model with telemedicine-assisted CT in Germany: a cross-sectional geospatial analysis. The Lancet Regional Health – Europe (2026).