Schluckdiagnostik in Deutschland: Gute Strukturen im Krankenhaus, große Lücken ambulant

Schluckstörungen – medizinisch Dysphagie – sind bei vielen neurologischen Erkrankungen ein häufiges und klinisch hoch relevantes Problem. Sie treten unter anderem nach Schlaganfällen, bei Parkinson-Syndromen, neuroimmunologischen Erkrankungen, neuromuskulären Erkrankungen oder im höheren Lebensalter auf. Bleiben sie unerkannt oder werden nicht ausreichend behandelt, kann das schwerwiegende Folgen haben: Mangelernährung, Dehydratation, Aspirationspneumonien, Probleme bei der Medikamenteneinnahme und eine deutlich verminderte Lebensqualität. Umso wichtiger ist eine frühzeitige und verlässliche Diagnostik.

Eine zentrale Methode hierfür ist die FEES – die flexible endoskopische Evaluation des Schluckens. Sie gehört heute zu den wichtigsten instrumentellen Verfahren in der neurogenen Dysphagiediagnostik. Ihr großer Vorteil liegt darin, dass sie direkt am Patientenbett, in der Klinik und prinzipiell auch mobil durchgeführt werden kann. Gerade in der Neurologie ist sie deshalb fest etabliert. Wie gut diese Diagnostik in Deutschland tatsächlich verfügbar ist, insbesondere außerhalb des stationären Bereichs, war bislang aber erstaunlich wenig systematisch untersucht.

Genau hier setzt unsere aktuelle Arbeit an. Auf Basis einer bundesweiten Befragung zertifizierter FEES-Instruktorinnen und -Instruktoren sowie einer ergänzenden geographischen Analyse haben wir untersucht, wie FEES in Deutschland umgesetzt wird, wo sie verfügbar ist und welche Hürden einer flächendeckenden Versorgung im Weg stehen. Das Bild ist dabei durchaus zweigeteilt.

Einerseits zeigen die Daten, dass FEES in Deutschland im stationären Bereich sehr gut implementiert ist. Die Untersuchung wird überwiegend in Akutkrankenhäusern und Rehabilitationskliniken durchgeführt und ist meist in interdisziplinäre Abläufe eingebettet. Besonders häufig wird sie bei Schlaganfallpatientinnen und -patienten eingesetzt, aber auch bei geriatrischen Patientengruppen, Parkinson-Syndromen und anderen neurologischen Krankheitsbildern. Bemerkenswert ist zudem, dass FEES in Deutschland multiprofessionell getragen wird: Ärztinnen und Ärzte, Logopädinnen und Logopäden sowie akademische Sprachtherapeutinnen und -therapeuten arbeiten eng zusammen. Das spricht für eine gewachsene und funktionierende Struktur in der stationären Dysphagieversorgung.

Andererseits wird deutlich, dass die Versorgung im ambulanten Bereich strukturell deutlich schwächer entwickelt ist. Zwar gaben etwas mehr als die Hälfte der befragten Einrichtungen an, ambulante FEES grundsätzlich anzubieten, doch schon hier beginnt das Problem: Viele dieser Angebote sind für Patientinnen und Patienten online gar nicht sichtbar. Das heißt, selbst dort, wo ambulante Diagnostik existiert, ist sie von außen oft kaum auffindbar. Noch gravierender ist, dass es vielerorts an tragfähigen Vergütungsstrukturen fehlt. Insbesondere die fehlende verlässliche Erstattung über die gesetzliche Krankenversicherung wurde als zentrale Barriere genannt. Hinzu kommen Personalmangel, fehlende institutionelle Unterstützung und begrenzte organisatorische Kapazitäten.

Die geographische Analyse unterstreicht diese Versorgungslücke. Während in westlichen und südlichen Ballungsräumen vergleichsweise viele ambulante FEES-Angebote erreichbar sind, zeigen sich in ländlichen Gebieten und besonders im Osten Deutschlands deutliche Defizite. Nur ein Teil der Bevölkerung kann innerhalb von 30 Minuten ein öffentlich identifizierbares ambulantes FEES-Angebot erreichen. In manchen Flächenländern ist selbst eine Erreichbarkeit innerhalb von 60 Minuten nur für einen kleinen Anteil der Bevölkerung gegeben. Diese Ungleichverteilung ist versorgungspolitisch hoch relevant, weil gerade vulnerable und oft wenig mobile Patientengruppen auf wohnortnahe Strukturen angewiesen sind.

Das ist nicht nur ein logistisches Problem, sondern auch ein klinisches. Viele Patientinnen und Patienten benötigen nach dem stationären Aufenthalt weiterhin eine strukturierte Dysphagiediagnostik – etwa nach Schlaganfall, zur Anpassung der Ernährung, zur Reevaluation einer PEG-Indikation oder im Rahmen von Dekanülierungsprozessen bei tracheotomierten neurologischen Patientinnen und Patienten. Andere stellen sich überhaupt erstmals ambulant mit einer Schluckstörung vor, zum Beispiel bei Myasthenia gravis, Myositiden oder neurodegenerativen Erkrankungen. Wenn dann keine gut erreichbare instrumentelle Diagnostik vorhanden ist, verzögert sich nicht nur die Abklärung, sondern oft auch der Beginn einer zielgerichteten Therapie.

Ein weiterer wichtiger Befund unserer Studie betrifft die Verknüpfung von Diagnostik und Therapie. Zwar nutzen fast alle befragten Zentren FEES auch zur Beurteilung therapeutischer Maßnahmen, etwa von Kompensationsstrategien oder Konsistenzanpassungen. Dennoch wird nur in etwa der Hälfte der Fälle eingeschätzt, dass die FEES-Befunde anschließend ausreichend in die weitere ambulante Therapie einfließen. Als Gründe wurden mangelnde Expertise, technische Hürden bei der Weitergabe von Videos oder Berichten und Zeitmangel genannt. Das zeigt: Gute Diagnostik allein reicht nicht aus – sie muss auch in funktionierende Versorgungspfade eingebettet sein.

Was folgt daraus? Unsere Daten sprechen dafür, dass Deutschland in der stationären neurogenen Dysphagiediagnostik bereits über eine starke Basis verfügt. Gleichzeitig besteht aber ein klarer Bedarf, die ambulante Infrastruktur deutlich auszubauen. Notwendig sind vor allem verlässliche Erstattungswege, mehr Transparenz über bestehende Angebote, bessere technische und organisatorische Schnittstellen zwischen Diagnostik und Therapie sowie regional abgestimmte Versorgungsnetzwerke. Auch mobile FEES-Modelle könnten dabei helfen, Versorgungslücken in ländlichen Regionen zu schließen.

Die Studie zeigt damit letztlich ein bekanntes Muster des Gesundheitssystems: Eine diagnostisch hochwertige Versorgung ist in spezialisierten stationären Zentren vorhanden – aber der Übergang in die Fläche und in die ambulante Langzeitversorgung bleibt unzureichend. Gerade bei einer so folgenreichen und oft chronischen Problematik wie Dysphagie ist das ein relevantes Versorgungsdefizit. Wer Schluckstörungen früh erkennen, gezielt behandeln und Komplikationen vermeiden will, muss deshalb nicht nur die Qualität der Diagnostik sichern, sondern auch ihren Zugang verbessern.

Quelle: Marae JG, Masanneck L, Pawlitzki M, Huber C, Hofacker J, Lapa S, Jung A, Muhle P, Suntrup-Krueger S, Warnecke T, Meuth SG, Dziewas R, Labeit B. Mapping neurogenic dysphagia diagnostics in Germany: accessibility, implementation practices, and barriers to swallowing endoscopy. Neurol Res Pract. 2026 Mar 18;8(1):17. doi: 10.1186/s42466-026-00473-9. PMID: 41851886; PMCID: PMC13001358.