Was das Ruhe-EEG über Multiple Sklerose verraten könnte

Multiple Sklerose verändert nicht nur das, was sich im MRT zeigt – sondern offenbar auch, wie das Gehirn im Hintergrund arbeitet. Genau das konnten wir in einer aktuellen Studie in Multiple Sclerosis and Related Disorderszeigen. Untersucht wurden Ruhe-EEGs von Menschen mit MS im Vergleich zu einer Kontrollgruppe. Dabei wurde deutlich: Auch wenn ein EEG im klinischen Alltag auf den ersten Blick unauffällig wirken kann, lassen sich mit modernen Analyseverfahren relevante Unterschiede in der Hirnaktivität sichtbar machen.

Besonders auffällig waren Veränderungen im niedrigen und hohen Beta-Frequenzbereich. Bei Menschen mit MS zeigte sich in mehreren Hirnregionen – insbesondere parietal, okzipital und zentral – eine erhöhte Aktivität in diesen Frequenzen. Das spricht für eine veränderte Rekrutierung neuronaler Netzwerke im Ruhezustand. Vereinfacht gesagt: Die Kommunikation zwischen verschiedenen Hirnregionen scheint bei MS auch dann verändert zu sein, wenn Betroffene entspannt mit geschlossenen Augen ruhen.

Das ist deshalb spannend, weil das Gehirn auch in Ruhe hochaktiv ist. Selbst ohne äußere Aufgabe laufen fortwährend koordinierte Aktivitätsmuster ab, die etwas über die Organisation neuronaler Netzwerke verraten. Unsere Daten deuten darauf hin, dass diese Netzwerkdynamik bei MS stärker desynchronisiert ist. Möglicherweise spiegelt das direkte Folgen von Demyelinisierung wider – möglicherweise aber auch kompensatorische Anpassungen des Gehirns an chronische Entzündung und neuroaxonalen Schaden.

Besonders relevant wurde der Befund dadurch, dass die EEG-Veränderungen nicht isoliert standen, sondern mit anderen klinisch bedeutsamen Parametern zusammenhingen. So war eine stärkere hochfrequente Beta-Aktivität im okzipitalen Bereich mit einer geringeren Dicke der retinalen Nervenfaserschicht assoziiert. Da die RNFL als Marker für neuroaxonalen Schaden bei MS etabliert ist, unterstützt das die Annahme, dass das EEG hier tatsächlich krankheitsrelevante Prozesse abbildet. Auch Unterschiede in evozierten Potenzialen gingen mit Veränderungen der Beta-Aktivität einher.

Genauso interessant ist, was sich nicht verändert zeigte: Die klassische Alpha-Aktivität im Ruhe-EEG blieb erhalten. Es zeigte sich also kein genereller Verlust normaler Ruheaktivität, sondern eher eine spezifische Verschiebung in der Nutzung bestimmter Netzwerke. Genau das macht die Ergebnisse so interessant – weil sie auf subtile funktionelle Veränderungen hinweisen, die mit konventionellen Methoden nicht immer direkt erfasst werden.

Natürlich bleibt die Einordnung wichtig: Die Studie ist retrospektiv, die Fallzahl begrenzt, und Einflüsse durch Medikation, Begleiterkrankungen oder unterschiedliche Verlaufsformen lassen sich nicht vollständig ausschließen. Trotzdem unterstreichen die Ergebnisse einen wichtigen Punkt: MS ist nicht nur eine Erkrankung sichtbarer Läsionen, sondern auch eine Erkrankung veränderter Hirnnetzwerke.

Das Ruhe-EEG könnte damit mehr sein als ein klassisches Zusatzverfahren – nämlich ein Fenster in funktionelle Veränderungen des Gehirns, die bei MS lange unbemerkt bleiben.

Quelle: Lüttjohann A, Räuber S, Korsen M, Willison AG, Elben S, Schroeter CB, Ruck T, Albrecht P, Pawlitzki M, Stroh A, Melzer N, Budde T, Meuth SG. Altered network recruitment in multiple sclerosis patients during resting state. Mult Scler Relat Disord. 2026 Mar 3;109:107111. doi: 10.1016/j.msard.2026.107111. Epub ahead of print. PMID: 41795505.