Anti-CD20-Therapien sind aus der modernen Neuroimmunologie nicht mehr wegzudenken. Sie werden insbesondere bei Multipler Sklerose, aber auch bei weiteren neuroimmunologischen Erkrankungen eingesetzt. Während der gemeinsame therapeutische Ansatz – die Depletion von CD20-positiven B-Zellen – gut etabliert ist, bleiben direkte Real-World-Vergleiche zwischen den einzelnen Substanzen weiterhin klinisch relevant. Eine neue Studie in Frontiers in Immunology vergleicht nun Ocrelizumab, Ofatumumab und Rituximab hinsichtlich Wirksamkeit, Infektionsrisiko, Immunglobulinveränderungen und zellulären Immunprofilen.
In die deutsche Real-World-Kohorte wurden 262 Patientinnen und Patienten mit neuroimmunologischen Erkrankungen eingeschlossen, die über einen medianen Zeitraum von 36 Monaten beobachtet wurden. 166 Personen wurden mit Ocrelizumab, 44 mit Ofatumumab und 52 mit Rituximab behandelt. Für den Wirksamkeitsvergleich bei Multipler Sklerose wurden insbesondere Patientinnen und Patienten mit relapsing MS unter Ocrelizumab oder Ofatumumab betrachtet. Beide Therapien zeigten niedrige jährliche Schubraten: 0,11 unter Ocrelizumab und 0,08 unter Ofatumumab. Auch das schubfreie Überleben unterschied sich nicht signifikant. Damit bestätigen die Daten die hohe Wirksamkeit beider zugelassener Anti-CD20-Therapien im klinischen Alltag.
Interessante Unterschiede zeigten sich jedoch beim Sicherheits- und Immunprofil. Infektionen traten unter Ofatumumab signifikant seltener auf als unter Ocrelizumab oder Rituximab. Auch bei einer auf die ersten 24 Monate begrenzten Analyse blieb die Infektionsrate unter Ofatumumab niedriger als unter Ocrelizumab. Gleichzeitig entwickelte sich eine Hypogammaglobulinämie besonders häufig und früh unter Rituximab: Nach 48 Monaten war mehr als die Hälfte der Rituximab-behandelten Patientinnen und Patienten zumindest zeitweise von einer IgG- oder IgM-Erniedrigung betroffen. Ein direkter Zusammenhang zwischen Hypogammaglobulinämie und Infektionsrate zeigte sich in dieser Kohorte jedoch nicht eindeutig.
Die immunologischen Analysen geben zusätzliche Hinweise darauf, dass Anti-CD20-Therapien über die reine B-Zell-Depletion hinaus unterschiedliche Effekte auf das Immunsystem haben können. Unter Ocrelizumab zeigte sich eine Abnahme des Lymphozytenanteils sowie eine Zunahme des Anteils CD3-positiver T-Zellen. Unter Ofatumumab stieg insbesondere der CD4/CD8-Quotient. Die polyklonale T-Zell-Reaktivität blieb dagegen über den Beobachtungszeitraum erhalten, was gegen eine relevante funktionelle T-Zell-Anergie unter langfristiger B-Zell-Depletion spricht.
Die Studie unterstreicht damit zwei zentrale Punkte für die klinische Praxis: Zum einen sind Anti-CD20-Therapien in der neuroimmunologischen Versorgung hochwirksam – unabhängig davon, welcher CD20-Antikörper eingesetzt wird. Zum anderen unterscheiden sich die Substanzen offenbar in ihrem Infektionsrisiko, in der Dynamik von Immunglobulinen und in ihren Effekten auf lymphozytäre Subpopulationen. Diese Unterschiede könnten künftig stärker in individualisierte Therapieentscheidungen und die Beratung von Patientinnen und Patienten einfließen, insbesondere bei Personen mit erhöhtem Infektionsrisiko, längerer Therapiedauer oder bereits bestehenden Veränderungen des Immunsystems.

