Frauen erkranken deutlich häufiger an Multipler Sklerose als Männer. Gleichzeitig galt lange die Annahme, dass Männer zwar seltener betroffen sind, dafür aber häufiger einen schwereren Krankheitsverlauf entwickeln. Diese Perspektive hat die Diskussion über geschlechtsspezifische Unterschiede bei MS über Jahre geprägt – sowohl in Bezug auf Krankheitsbeginn und Progression als auch im Hinblick auf Therapieentscheidungen.
Eine aktuelle Analyse der deutschen NationMS-Kohorte stellt diese Annahmen zumindest für die frühe schubförmig-remittierende MS in spezialisierten Zentren infrage. Die im Multiple Sclerosis Journal publizierte Arbeit untersuchte, ob sich Frauen und Männer in der frühen Krankheitsphase hinsichtlich Erstmanifestation, Schubbehandlung, Behinderungsentwicklung und Einsatz krankheitsmodifizierender Therapien unterscheiden.
Die NationMS-Kohorte: Frühe MS in spezialisierten Zentren
Die Analyse basiert auf 1268 Patientinnen und Patienten aus der deutschen NationMS-Kohorte des Kompetenznetzes Multiple Sklerose. Eingeschlossen wurden therapienaive Erwachsene mit früher RRMS oder klinisch isoliertem Syndrom. Die Rekrutierung erfolgte zwischen 2010 und 2017 an 22 akademischen MS-Zentren. Die Beobachtungszeit betrug bis zu acht Jahre.
Von den eingeschlossenen Personen waren 890 Frauen und 378 Männer, entsprechend einem Verhältnis von etwa 2,4:1. Das mediane Alter lag bei rund 32 bis 33 Jahren, der EDSS zu Beginn bei 1,5 – also insgesamt eine frühe und noch wenig beeinträchtigte Kohorte.
Keine relevanten Unterschiede bei der Erstmanifestation
Ein zentrales Ergebnis: Die erste klinische Manifestation unterschied sich nicht wesentlich zwischen Frauen und Männern.
Sowohl monosymptomatische als auch polysymptomatische Schübe traten in vergleichbarer Häufigkeit auf. Auch die betroffenen funktionellen Systeme – etwa Visus, Hirnstamm, Pyramidenbahn, Sensibilität oder Kleinhirn – zeigten keine wesentlichen geschlechtsspezifischen Unterschiede.
Ebenso wurde der erste Schub ähnlich häufig behandelt. Rund drei Viertel der Patientinnen und Patienten erhielten Steroide, ein kleiner Anteil zusätzlich Plasmapherese. Ein unbehandelter Erstschub war bei Frauen und Männern ähnlich häufig.
Damit bestätigt die Analyse nicht die klassische Erwartung, dass sich MS bei Männern in der Frühphase klinisch grundsätzlich schwerer oder anders präsentiert.
Auch die Behinderungsentwicklung war vergleichbar
Besonders relevant ist die Frage, ob Männer in der frühen Krankheitsphase schneller Behinderung akkumulieren. In der NationMS-Kohorte zeigte sich hierfür kein klarer Hinweis.
Der mediane EDSS blieb über die Beobachtungszeit insgesamt niedrig und stabil. Ein EDSS von mindestens 3,0 wurde von 19,3 Prozent der Frauen und 16,1 Prozent der Männer erreicht. Auch die Zeit bis zum Erreichen dieses EDSS-Meilensteins unterschied sich nach Adjustierung für Alter und initiale Therapie nicht signifikant zwischen den Geschlechtern.
Das ist bemerkenswert, weil frühere Kohorten und Registerdaten häufig einen schwereren Verlauf bei Männern beschrieben haben. Die aktuelle Analyse spricht eher dafür, dass in modernen, spezialisierten Versorgungsstrukturen individuelle Krankheitslast und Krankheitsaktivität wichtiger sein könnten als das biologische Geschlecht allein.
Therapieentscheidungen: Geschlecht spielte kaum eine Rolle
Auch bei der Therapieexposition fanden sich keine wesentlichen Unterschiede. Etwa ein Viertel der Patientinnen und Patienten blieb im Beobachtungszeitraum ohne krankheitsmodifizierende Therapie. Der Beginn einer Therapie erfolgte im Mittel etwa fünf Monate nach Diagnose, ebenfalls ohne relevanten Unterschied zwischen Frauen und Männern.
Interessant ist der Blick auf den Einsatz hochwirksamer Therapien. Nur rund fünf Prozent der Kohorte erhielten initial eine High-Efficacy-Therapie. Das wirkt aus heutiger Perspektive niedrig, ist aber vor dem Rekrutierungszeitraum von 2010 bis 2017 gut erklärbar: Viele heute etablierte hochwirksame Optionen waren damals noch nicht verfügbar oder wurden deutlich zurückhaltender eingesetzt.
Die Entscheidung für eine initiale hochwirksame Therapie wurde nicht durch das Geschlecht beeinflusst. Stattdessen waren jüngeres Alter, höherer EDSS zu Beginn und eine RRMS-Diagnose gegenüber CIS mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für eine solche Therapie assoziiert. Anders gesagt: Die Therapieentscheidung orientierte sich eher an Krankheitslast und klinischem Risiko als an Geschlecht.
Unterschiede bei der Substanzwahl
Ein interessanter Unterschied zeigte sich dennoch: Innerhalb der kleinen Gruppe mit initialer hochwirksamer Therapie erhielten Männer häufiger Fingolimod, Frauen häufiger Natalizumab. Dieser Unterschied blieb auch nach Adjustierung für den Ausgangs-EDSS bestehen.
Eine mögliche Erklärung liegt in Fragen der Familienplanung und Schwangerschaftskompatibilität. Gerade bei Frauen im gebärfähigen Alter können Therapieauswahl, Absetzrisiken und Schwangerschaftsplanung eine zentrale Rolle spielen. Die Studie kann diese Hintergründe jedoch nicht direkt belegen, sondern nur als mögliche Erklärung diskutieren.
Was bedeutet das klinisch?
Die Arbeit liefert eine wichtige Botschaft: In dieser spezialisierten deutschen Früh-MS-Kohorte waren klassische geschlechtsspezifische Unterschiede in Präsentation, früher Behinderungsentwicklung und initialer Therapieentscheidung weniger ausgeprägt als erwartet.
Das bedeutet nicht, dass Geschlecht und Gender in der MS keine Rolle spielen. Frauen sind weiterhin deutlich häufiger betroffen, Schwangerschaft, Familienplanung, Hormonstatus, Versorgungszugang und psychosoziale Faktoren bleiben klinisch relevant. Aber die Daten sprechen dafür, dass das biologische Geschlecht allein keine dominante Rolle bei frühen Therapieentscheidungen spielen sollte.
Für die Praxis heißt das: Die Entscheidung für oder gegen eine hochwirksame Therapie sollte primär an individueller Krankheitsaktivität, initialer Krankheitslast, Prognosefaktoren, Patient:innenpräferenz und Sicherheitsprofil orientiert sein – nicht an tradierten Annahmen über männliche oder weibliche Krankheitsverläufe.
Einordnung und Limitationen
Die Ergebnisse sollten dennoch vorsichtig interpretiert werden. Die NationMS-Kohorte wurde ausschließlich in akademischen MS-Zentren rekrutiert. Dort ist von einer hohen diagnostischen und therapeutischen Spezialisierung auszugehen. Genau diese Spezialisierung könnte dazu beigetragen haben, dass geschlechtsabhängige Unterschiede in der Therapieentscheidung geringer ausfielen als in breiteren Versorgungsdaten.
Zudem stammt die Rekrutierung aus den Jahren 2010 bis 2017. Die MS-Therapielandschaft hat sich seitdem deutlich verändert. Heute werden hochwirksame Therapien früher und häufiger eingesetzt. Ob sich die Ergebnisse in aktuellen Real-World-Kohorten mit höherem Anteil früher High-Efficacy-Therapien bestätigen lassen, bleibt offen.
Auch wurde die Krankheitsentwicklung im Wesentlichen über den EDSS bewertet. Subjektive Krankheitslast, Fatigue, Kognition, MRT-Aktivität, Biomarker oder Patient-Reported Outcomes wurden in dieser Analyse nicht zentral abgebildet. Gerade bei der Frage geschlechts- und genderbezogener Unterschiede könnten solche Dimensionen zusätzliche relevante Informationen liefern.
Fazit
Die NationMS-Analyse zeigt: In einer modernen, spezialisierten deutschen Früh-MS-Kohorte unterschieden sich Frauen und Männer kaum hinsichtlich Erstmanifestation, früher Behinderungsentwicklung und initialer Therapieintensität. Die Entscheidung für eine frühe hochwirksame Therapie wurde vor allem durch jüngeres Alter und höhere initiale Krankheitslast beeinflusst – nicht durch das Geschlecht.
Damit unterstützt die Studie eine zunehmend individualisierte MS-Therapie: Nicht Geschlecht als Schablone, sondern Krankheitsaktivität, Prognoserisiko, Lebenssituation und informierte gemeinsame Entscheidungsfindung sollten den therapeutischen Weg bestimmen.
Poser PL, Gisevius B, Tokic M, Fisse AL, Ladopoulos T, Berthele A, Giglhuber K, Flaskamp M, Fleischer V, Bittner S, Lüssi F, Bayas A, Meuth SG, Heesen C, Trebst C, Wildemann B, Then Bergh F, Antony G, Kümpfel T, Havla J, Paul F, Nischwitz S, Tumani H, Zettl U, Hemmer B, Wiendl H, Zipp F, Timmesfeld N, Gold R, Motte J, Salmen A. Sex-specific analysis of early disease course and treatment in a German multiple sclerosis cohort. Mult Scler. 2026 Jun 1:13524585261446846. doi: 10.1177/13524585261446846. Epub ahead of print. PMID: 42224266.

