Neue Therapien bei Myasthenia gravis: Experten geben praktische Empfehlungen für die Behandlung

Die Behandlung der Myasthenia gravis hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Neue zielgerichtete Immuntherapien ermöglichen eine wirksamere und individuellere Krankheitskontrolle. Doch wann sollte welche Therapie eingesetzt werden? Wann ist ein Wechsel sinnvoll? Und wie lassen sich die neuen Medikamente optimal in den Behandlungsalltag integrieren? Eine aktuelle deutsch-österreichische Expertenpublikation im European Journal of Neurology, an der auch unsere Neurologie beteiligt war, gibt hierzu praktische Empfehlungen.

Neue Möglichkeiten für Menschen mit Myasthenia gravis

Die Myasthenia gravis (MG) ist eine seltene Autoimmunerkrankung, bei der die Signalübertragung zwischen Nerven und Muskeln gestört ist. Typisch sind eine belastungsabhängige Muskelschwäche, Doppelbilder, hängende Augenlider sowie Schwierigkeiten beim Sprechen, Kauen oder Schlucken. In schweren Fällen kann auch die Atemmuskulatur betroffen sein.

Lange Zeit beruhte die Behandlung vor allem auf symptomatischen Medikamenten, Kortikosteroiden und klassischen Immunsuppressiva. Inzwischen stehen zunehmend zielgerichtete Therapien zur Verfügung, die direkt an bestimmten Mechanismen der Erkrankung ansetzen.

Besonders wichtig sind dabei zwei Wirkstoffgruppen:

  • Komplement-C5-Inhibitoren, beispielsweise Eculizumab, Ravulizumab und Zilucoplan. Sie blockieren einen Teil des Komplementsystems und sollen dadurch die antikörpervermittelte Schädigung der neuromuskulären Endplatte verhindern.
  • FcRn-Inhibitoren, beispielsweise Efgartigimod und Rozanolixizumab. Sie beschleunigen den Abbau von Immunglobulin-G-Antikörpern (IgG), darunter auch der krankheitsverursachenden Autoantikörper.

Beide Wirkstoffgruppen können bei geeigneten Patienten eine deutliche Verbesserung der Beschwerden ermöglichen. Gleichzeitig unterscheiden sie sich hinsichtlich ihrer Wirkmechanismen, Verabreichung und möglichen Nebenwirkungen.

Wann ist der richtige Zeitpunkt für eine neue Therapie?

Eine der zentralen Fragen im klinischen Alltag lautet, wann eine zielgerichtete Immuntherapie begonnen werden sollte.

Die Experten empfehlen, sich dabei nicht ausschließlich an einzelnen Laborwerten oder an der bisherigen Therapiedauer zu orientieren. Entscheidend sind vielmehr die individuelle Krankheitsaktivität, die funktionellen Einschränkungen und das Ansprechen auf bestehende Behandlungen.

Besonders bei einer hochaktiven Myasthenia gravis, bei der trotz angemessener Therapie relevante Beschwerden oder wiederholte Verschlechterungen auftreten, sollten moderne zielgerichtete Behandlungsoptionen geprüft werden.

Zur objektiven Verlaufskontrolle eignen sich beispielsweise etablierte klinische Instrumente wie der MG-ADL-Score, der Einschränkungen im Alltag erfasst, oder der Quantitative Myasthenia Gravis Score (QMG).

Individuelle Therapieintervalle statt starrer Behandlungsschemata

Ein weiterer Schwerpunkt der Publikation ist die Frage nach dem optimalen Behandlungsintervall.

Während einige Medikamente regelmäßig nach einem festen Schema verabreicht werden, erfolgen andere Therapien in wiederholten Behandlungszyklen.

Insbesondere bei FcRn-Inhibitoren können Wirkungseintritt und Wirkungsdauer individuell unterschiedlich ausfallen. Bei manchen Patienten bleiben die Beschwerden über einen längeren Zeitraum stabil, während andere bereits früher eine erneute Behandlung benötigen.

Die Experten sprechen sich deshalb dafür aus, weitere Therapiezyklen am individuellen Krankheitsverlauf auszurichten. Ziel sollte eine möglichst stabile Symptomkontrolle sein, ohne unnötig auf eine ausgeprägte klinische Verschlechterung warten zu müssen.

Was tun, wenn eine Therapie nicht ausreichend wirkt?

Trotz der Fortschritte sprechen nicht alle Menschen mit Myasthenia gravis gleichermaßen auf eine bestimmte Behandlung an.

Die neue Expertenpublikation beschreibt daher auch, unter welchen Voraussetzungen ein Wechsel zwischen Medikamenten derselben Wirkstoffgruppe oder zu einem anderen Wirkmechanismus sinnvoll sein kann.

Dabei spielen mehrere Faktoren eine Rolle: das bisherige Therapieansprechen, Nebenwirkungen, die Dauer der Wirkung und nicht zuletzt die persönlichen Präferenzen der Betroffenen.

Auch die praktische Anwendung ist wichtig. Während manche Patienten seltenere Infusionen bevorzugen, wünschen sich andere eine Behandlung, die sie nach entsprechender Schulung selbstständig zu Hause durchführen können.

Ein Therapiewechsel sollte deshalb nicht allein anhand der Wirksamkeit entschieden werden, sondern immer auch die individuelle Lebenssituation berücksichtigen.

Sicherheit und langfristige Behandlung im Blick behalten

Die neuen Therapien erfordern eine sorgfältige Überwachung möglicher Nebenwirkungen.

Bei Komplement-Inhibitoren ist insbesondere das erhöhte Risiko schwerer Infektionen durch bestimmte Bakterien, darunter Meningokokken, zu beachten. Entsprechende Impfungen und Vorsorgemaßnahmen sind daher essenziell.

Unter FcRn-Inhibitoren können die IgG-Spiegel deutlich sinken. Deshalb sind insbesondere bei wiederkehrenden Infektionen oder zusätzlichen immunsuppressiven Therapien eine individuelle Risikobewertung und gegebenenfalls Laborkontrollen sinnvoll.

Auch die Frage, ob bei langfristig stabilen Patienten Medikamente reduziert oder Behandlungsintervalle verlängert werden können, wird diskutiert. Hierfür fehlen bislang allerdings umfassende kontrollierte Studiendaten.

Die zentrale Erkenntnis: Die moderne Behandlung der Myasthenia gravis wird zunehmend individueller. Entscheidend ist nicht nur, welche Medikamente zur Verfügung stehen, sondern wie diese anhand der Krankheitsaktivität, des bisherigen Therapieansprechens und der persönlichen Bedürfnisse sinnvoll eingesetzt werden.

Quelle: Meisel A, Della Marina A, Doksani P, et al. Practical Guidance on Initiating and Switching Targeted Immunotherapies in Generalised Myasthenia Gravis: A German–Austrian Expert Opinion Paper.