Arbeiten mit Multipler Sklerose: Was belastet, was hilft?

Multiple Sklerose (MS) betrifft häufig Menschen mitten im Berufsleben. Doch welche Faktoren am Arbeitsplatz verschlechtern aus Sicht der Betroffenen ihre Beschwerden? Und was hilft ihnen dabei, trotz der Erkrankung erfolgreich und möglichst langfristig berufstätig zu bleiben?

Für Menschen mit Multipler Sklerose kann der Berufsalltag besondere Herausforderungen mit sich bringen. Fatigue, Konzentrationsschwierigkeiten, motorische Einschränkungen oder eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Wärme können die Arbeitsfähigkeit beeinträchtigen. Gleichzeitig bedeutet Berufstätigkeit weit mehr als finanzielle Sicherheit: Sie ermöglicht soziale Teilhabe, Selbstbestimmung und persönliche Weiterentwicklung.

Um diese Zusammenhänge genauer zu verstehen, befragte ein interdisziplinäres Forschungsteam 26 berufstätige Menschen mit MS aus unterschiedlichen Branchen. Die Teilnehmenden waren im Durchschnitt 38 Jahre alt und arbeiteten mindestens 19 Stunden pro Woche. Die Interviews wurden systematisch ausgewertet, um sowohl belastende als auch unterstützende Faktoren im Arbeitsalltag zu identifizieren.

Dabei wurden drei zentrale Bereiche, aus denen Belastungen entstehen können identifiziert:

  • Arbeitsbedingungen: Zeitdruck, Überstunden, Schichtarbeit, Personalmangel und fehlende Flexibilität. Besonders häufig wurden hohe Temperaturen am Arbeitsplatz als problematisch beschrieben, da sie bestehende MS-Symptome vorübergehend verstärken können.
  • Soziales Umfeld: Fehlendes Verständnis durch Vorgesetzte, Leistungsdruck oder die Notwendigkeit, unsichtbare Symptome wie Fatigue immer wieder erklären zu müssen.
  • Persönliche Erwartungen: Viele Betroffene setzen sich selbst unter Druck, weiterhin genauso leistungsfähig wie ihre gesunden Kolleginnen und Kollegen zu sein. Auch die Sorge vor einer zukünftigen Verschlechterung kann zusätzlichen Stress verursachen.

Die Teilnehmenden berichteten, dass sich beruflicher Stress unter anderem in verstärkter Fatigue, Sensibilitätsstörungen, Konzentrationsproblemen oder Gehschwierigkeiten äußern könne.

Bemerkenswert ist, dass die Untersuchung nicht nur negative Aspekte aufzeigt. Viele Befragte beschrieben ihre berufliche Tätigkeit ausdrücklich als etwas Positives.

Ein abwechslungsreicher Arbeitsalltag, neue Herausforderungen und soziale Kontakte wurden als motivierend erlebt. Manche Teilnehmenden berichteten sogar, dass sie durch ihre Tätigkeit ihre kognitiven oder feinmotorischen Fähigkeiten trainieren und sich weniger auf die Erkrankung konzentrieren würden.

Besonders hilfreich waren aus Sicht der Befragten:

  • Flexible Arbeitszeiten und Homeoffice-Möglichkeiten
  • Verständnisvolle Vorgesetzte und unterstützende Kolleginnen und Kollegen
  • Ergonomische Arbeitsplätze, Klimatisierung und Rückzugsmöglichkeiten
  • Eigenständige Planung von Pausen und Arbeitsaufgaben
  • Wertschätzung, Selbstbestimmung und das Gefühl, gebraucht zu werden

Dabei wurde deutlich: Unterstützung ist besonders dann hilfreich, wenn sie den Betroffenen Handlungsspielraum lässt und nicht als Bevormundung empfunden wird.

Was lässt sich daraus für die Praxis ableiten?

Die Ergebnisse zeigen, dass berufliche Teilhabe bei MS nicht allein von der Erkrankungsschwere abhängt. Auch das Arbeitsumfeld und die Möglichkeiten zur individuellen Anpassung spielen eine wichtige Rolle.

Schon vergleichsweise einfache Maßnahmen wie flexible Arbeitszeiten, die Möglichkeit zum mobilen Arbeiten, eine angemessene Raumtemperatur oder individuell planbare Pausen können nach Einschätzung der Befragten einen erheblichen Unterschied bewirken

Quelle: Bau JT, Guthardt L, Apolinário-Hagen J, Loerbroks A, Meuth SG, Weber J. Exploring work stressors and resources and their perceived effects on symptoms and work ability in employees with multiple sclerosis: a qualitative study. BMC Neurology. 2026;26:607.