Netzwerkanalyse struktureller White-Matter-Konnektivität bei Major Depression mit und ohne komorbide Angststörung

Die Studie untersucht, ob sich die strukturelle White-Matter-Konnektivität bei Major Depression (MDD) je nach Vorliegen einer komorbiden Angststörung (ANX) unterscheidet. Dafür wurden in einer großen Kohorte strukturelle Hirnnetzwerke aus T1- und Diffusions-MRT rekonstruiert: 906 gesunde Kontrollen, 532 Personen mit MDD ohne komorbide Angstdiagnose und 249 Personen mit MDD plus mindestens einer Angststörung. Die Auswertung erfolgte netzwerkbasiert mit Network-Based Statistics (NBS) und berücksichtigte zentrale Kovariaten wie Alter, Geschlecht und Scanner-Standort.

Zentral ist das Hauptergebnis: Statt eines einheitlichen „Dysconnection“-Musters im Sinne einer reinen Hypokonnektivität zeigte sich ein gegengerichteter Befund abhängig von der Komorbidität. Personen mit MDD ohne Angststörung wiesen gegenüber Kontrollen eine verminderte strukturelle Konnektivität auf, während Personen mit MDD und komorbider Angststörung eine erhöhte strukturelle Konnektivität zeigten. Bemerkenswert ist, dass sich diese Effekte teilweise in räumlich überlappenden Verbindungen abspielten – also nicht einfach in völlig separaten Netzwerkbereichen. Ein gezielter, gerichteter NBS-Test bestätigte darüber hinaus explizit das Muster MDD < Kontrollen < MDD+ANX innerhalb eines zusammenhängenden Subnetzwerks.

Topologisch konzentrierten sich die stärksten Effekte auf Knoten in der Insula sowie in temporalen und frontalen Regionen, unter anderem im (superioren) Temporallappen, im rostralen mittleren Frontallappen, im Parahippocampus und am Temporalpol. Das betroffene Subnetz war zudem durch eine auffällige Beteiligung fronto-okzipitaler Verbindungen und insgesamt langreichweitiger Faserstrecken gekennzeichnet – die mittlere Faserlänge innerhalb dieses Netzwerks lag höher als in topology-erhaltend randomisierten Vergleichsnetzwerken. Die Autor:innen haben eine breite Palette an Robustheitsanalysen durchgeführt (u.a. getrennte Analysen nach Geschlecht und Studienzentrum, Kontrolle für Remissionsstatus, nichtlineare Alterseffekte, Bewegungsparameter, Outlier-Handling, alternative Konnektivitätsmaße und Atlas-Varianten inklusive subkortikaler Regionen) und das grundlegende Muster blieb konsistent.

In der Gesamtschau stellen die Befunde die einfache Gleichsetzung „Depression = Hypokonnektivität“ in Frage, zumindest wenn komorbide Angststörungen nicht explizit berücksichtigt werden. Die Arbeit spricht dafür, dass klinische Heterogenität – insbesondere Angst-Symptomatik – zu teilweise gegensätzlichen Netzwerkveränderungen führen kann. Für die zukünftige Forschung leitet sich daraus ein klarer Impuls ab: weniger rein kategoriale Gruppenvergleiche nach Diagnosen, mehr symptombasierte und transdiagnostische Analysen, die Komorbidität nicht als Störfaktor, sondern als biologisch relevante Stratifikation verstehen.

Quelle: Gruber M, Schulte J, Mauritz M, Ahrens KF, Rehm P, von Werthern NM, Staub H, Fischer S, Timm F, Libedinsky I, Grumbach P, Bonnekoh LM, Goltermann J, Winter NR, Thiel K, Winter A, Borgers T, Klug M, Meinert H, Hubbert J, Krieger J, Jurischka C, Thomas-Odenthal F, Usemann P, Teutenberg L, Pawlitzki M, Förster K, Sindermann L, Böhnlein J, Meinert S, Grotegerd D, Stein F, Straube B, Alexander N, Jamalabadi H, Jansen A, Nenadić I, Opel N, Hahn T, Bauer J, van den Heuvel MP, Reif A, Kircher T, Leehr EJ, Dannlowski U, Repple J. Network-based analysis of differential white matter connectivity in major depressive disorder with and without comorbid anxiety. Neuropsychopharmacology. 2026 Jan 12. doi: 10.1038/s41386-025-02312-y. Epub ahead of print. PMID: 41526712.