Eine aktuelle Auswertung der prospektiven deutschen NationMS-Kohorte untersucht den Einfluss von Rauchen und Alkoholkonsum auf die Krankheitsprogression bei früher Multipler Sklerose. Eingeschlossen wurden 1.374 zunächst therapienaive Patientinnen und Patienten mit klinisch isoliertem Syndrom oder schubförmig-remittierender MS, die über bis zu sechs Jahre nachbeobachtet wurden. Neben der Behinderung anhand der Expanded Disability Status Scale (EDSS) wurden die Gehfähigkeit mittels Timed 25-Foot Walk (T25FW), kognitive Funktionen anhand des PASAT sowie MRT-Parameter wie T2-Läsionslast und gadoliniumaufnehmende Läsionen untersucht.
Die Ergebnisse bestätigen insbesondere die ungünstige Bedeutung des Rauchens für den Verlauf der MS. Rauchende Teilnehmende zeigten im Vergleich zu Nichtrauchenden häufiger eine Zunahme der körperlichen Behinderung und Einschränkungen der Gehfähigkeit. So waren die Chancen, im Verlauf einen EDSS von mindestens 3 oder eine relevante Verlangsamung im T25FW zu erreichen, in mehreren Rauchergruppen erhöht. Auch in den longitudinalen Analysen zeigte sich insgesamt eine stärkere funktionelle Verschlechterung bei Rauchenden. Für die kognitive Entwicklung anhand des PASAT waren die Befunde hingegen weniger konsistent. Interessanterweise ließ sich weder für das Rauchen noch für den Alkoholkonsum ein signifikanter Zusammenhang mit der T2-Läsionslast oder gadoliniumaufnehmenden Läsionen im MRT nachweisen. Dies könnte darauf hindeuten, dass der negative Effekt des Rauchens zumindest teilweise über Mechanismen vermittelt wird, die durch konventionelle Marker der fokalen entzündlichen MRT-Aktivität nicht ausreichend erfasst werden.
Beim Alkoholkonsum zeigte sich auf den ersten Blick ein gegensätzliches Bild: Personen mit gelegentlichem Alkoholkonsum hatten in den statistischen Modellen ein geringeres Risiko, die definierten Schwellenwerte für EDSS, Gehfähigkeit und teilweise auch Kognition zu erreichen als Personen ohne Alkoholkonsum. Diese Ergebnisse dürfen jedoch nicht als protektiver Effekt von Alkohol interpretiert werden. Die Autoren weisen ausdrücklich auf mögliche Verzerrungen hin, insbesondere auf eine umgekehrte Kausalität: Menschen mit geringer Krankheitslast könnten eher weiterhin Alkohol konsumieren, während stärker beeinträchtigte Patientinnen und Patienten ihren Konsum reduzieren oder einstellen. Auch Unterschiede im sozioökonomischen Status und weitere nicht vollständig erfasste Einflussfaktoren können zu den beobachteten Assoziationen beitragen.
Die Studie liefert damit weitere Evidenz dafür, dass Rauchen ein relevanter und modifizierbarer Risikofaktor für einen ungünstigeren Verlauf der Multiplen Sklerose ist. Eine konsequente Unterstützung bei der Rauchentwöhnung sollte daher Bestandteil der langfristigen MS-Behandlung sein. Für Alkohol lässt sich dagegen aus diesen Daten weder eine schädliche noch eine protektive Wirkung sicher ableiten. Die beobachteten günstigeren Assoziationen sollten vor dem Hintergrund des Beobachtungsdesigns und möglicher Confounder zurückhaltend interpretiert werden.

