Periphere Entzündungsprozesse rücken in der psychiatrischen Forschung zunehmend in den Fokus. Eine neue Studie in Brain, Behavior, and Immunity untersucht, ob niedriggradige systemische Entzündung, gemessen über hochsensitives C-reaktives Protein (hs-CRP), mit strukturellen Veränderungen der Hirnrinde verbunden ist – und ob dieser Zusammenhang diagnoseabhängig ist oder vielmehr eine gemeinsame, transdiagnostische Vulnerabilität widerspiegelt.
Die Autorinnen und Autoren nutzten Daten der Marburg Affective Disorders Cohort Study (MACS). Analysiert wurden 683 Patientinnen und Patienten mit psychiatrischen Erkrankungen, darunter Major Depression, bipolare Störung und Schizophrenie, sowie 620 gesunde Kontrollen. Die kortikale Dicke wurde mittels struktureller MRT und FreeSurfer-Auswertung bestimmt; hs-CRP diente als gut verfügbarer Marker peripherer niedriggradiger Entzündung. Besonders relevant ist, dass neben Querschnittsdaten auch longitudinale Verlaufsdaten nach zwei Jahren einbezogen wurden.
Zentraler Befund war, dass höhere hs-CRP-Werte zu Studienbeginn mit einer geringeren kortikalen Dicke im linken parazentralen Lobulus assoziiert waren. In der longitudinalen Analyse sagten höhere hs-CRP-Werte zudem eine stärkere kortikale Ausdünnung im linken Gyrus fusiformis über die Zeit vorher. Diese Zusammenhänge wurden nicht wesentlich durch Diagnose, Alter, Geschlecht oder Raucherstatus moderiert.
Damit sprechen die Ergebnisse dafür, dass niedriggradige Entzündung nicht nur mit einzelnen psychiatrischen Diagnosen verbunden ist, sondern möglicherweise einen diagnoseübergreifenden neurobiologischen Mechanismus darstellt. Statt inflammationassoziierte Hirnstrukturveränderungen ausschließlich als Merkmal von Depression, bipolarer Störung oder Schizophrenie zu betrachten, legt die Studie nahe, dass periphere Entzündung zu gemeinsamen strukturellen Vulnerabilitäten über diagnostische Grenzen hinweg beitragen könnte.
Klinisch und translational ist dies interessant, weil hs-CRP ein kostengünstiger und breit verfügbarer Biomarker ist. Die Ergebnisse bedeuten nicht, dass hs-CRP als diagnostischer Marker für psychiatrische Erkrankungen geeignet wäre. Vielmehr könnte niedriggradige Entzündung helfen, biologisch relevante Subgruppen, Risikomechanismen oder Verlaufsmarker zu identifizieren, die perspektivisch für Prävention, Prognose oder gezielte Interventionen relevant werden könnten.
Insgesamt liefert die Studie wichtige longitudinale Evidenz für das Feld der Immunpsychiatrie. Sie stärkt die Annahme, dass periphere niedriggradige Entzündung nicht nur ein Begleitphänomen psychiatrischer Erkrankungen ist, sondern mit fortschreitenden strukturellen Hirnveränderungen über Diagnosegrenzen hinweg verbunden sein kann.

